Biogas und Biokraftstoffe gelten seit Jahren als wichtige Bausteine der Energiewende im ländlichen Raum. Doch wie groß ist ihr tatsächlicher Beitrag – und vor allem: Welche Rolle spielt die Landtechnik dabei konkret auf den Betrieben? Zwischen Güllevergärung, HVO-Diesel und biomethanbetriebenen Traktoren bewegt sich ein Markt, der stark von politischen Rahmenbedingungen, technischen Entwicklungen und regionalen Strukturen abhängt.
Biogas im Spannungsfeld zwischen Klimaschutz und Flächendruck
In Deutschland speisen laut Bundesnetzagentur rund 8.500 Biogasanlagen Strom ins Netz ein, viele davon mit landwirtschaftlichem Hintergrund. Nach Zahlen des Fachverbands Biogas stammen etwa 80 % der Inputsubstrate aus der Landwirtschaft – hauptsächlich Gülle, Mist und Energiepflanzen wie Silomais oder Ganzpflanzensilage.
Politisch hat sich der Fokus der vergangenen Jahre deutlich verschoben: Weg von der massiven Maismonokultur, hin zu mehr Reststoffnutzung und Gülle. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) setzt inzwischen stärkere Anreize für Wirtschaftsdünger und nachwachsende Rohstoffe mit höherer Biodiversität, etwa Blühstreifen oder mehrjährige Energiepflanzen (z. B. Durchwachsene Silphie).
Für die Praxis heißt das: Biogasanlagen werden zunehmend als „Mehrzweck-Baustein“ gesehen – Strom- und Wärmequelle, Gülle-Stabilisator, Treibhausgas-Senker und Nährstoffdrehscheibe. Doch ohne passende Landtechnik ist dieses System weder effizient noch wirtschaftlich zu betreiben.
Substratlogistik: Effizienz beginnt auf dem Feld und im Stall
Der erste Hebel für Wirtschaftlichkeit in der Biogaserzeugung ist die Substratlogistik. Entscheidende Fragen sind: Wie viele Fahrten fallen an? Wie weit sind Feldstücke und Außenställe entfernt? Mit welchen Maschinen werden Gülle, Mist und Silagen transportiert und geladen?
In vielen Betrieben zeigt sich, dass die Substratbereitstellung 30–50 % der Gesamtkosten der Biogaserzeugung ausmachen kann – insbesondere bei kleineren Anlagen und bei weit entfernten Flächen. Moderne Landtechnik setzt genau hier an:
In einigen Regionen gehen Betriebe dazu über, Substratketten zu bündeln: Lohnunternehmen organisieren die komplette Kette von der Ernte über den Transport bis zum Einbringen in die Anlage. Für kleinere Betriebe kann das kostengünstiger sein als eine eigene, voll ausgestattete Technikflotte. Gerade bei Mais- und Ganzpflanzensilage hat sich die Zusammenarbeit mit Lohnunternehmern mit leistungsstarken Häckslern und Walztechnik im Fahrsilo etabliert.
Gärrest-Management: Ausbringtechnik als Klimaschutzfaktor
Eine oft unterschätzte Rolle der Landtechnik in der Biogasbranche liegt im Gärrest-Management. Gärreste sind im Kern vergorene Gülle und Pflanzenreste – also ein nährstoffreicher Dünger mit einem höheren Anteil schnell verfügbarem Ammoniumstickstoff. Diese Eigenschaft kann sowohl ein Vorteil als auch ein Risiko sein.
Auf der Plusseite steht die verbesserte Pflanzenverfügbarkeit. Auf der Minusseite drohen höhere Ammoniak-Emissionen, wenn die Gärreste falsch oder mit veralteter Technik ausgebracht werden. Die Düngeverordnung und die TA Luft setzen hier klare Grenzen: Schleppschlauch- und Schleppschuhverteiler sowie Injektionsverfahren werden bevorzugt, Breitverteilung mit Prallteller ist in vielen Fällen nicht mehr erlaubt.
Technisch bedeutet das für die Betriebe:
Studien des Thünen-Instituts zeigen, dass die Umstellung von Breitverteilung auf bodennahe Ausbringung Ammoniak-Emissionen um bis zu 50–70 % senken kann. Für Biogasanlagenbetreiber, die ohnehin oft unter genauer Beobachtung von Nachbarn und Behörden stehen, wird die moderne Ausbringtechnik damit zu einem entscheidenden Instrument zur Akzeptanzsicherung.
Von der Strom- zur Gasnutzung: Aufwertung zu Biomethan
Während viele ältere Biogasanlagen vor allem auf die Einspeisung von Strom gesetzt haben, gewinnt die Aufbereitung zu Biomethan an Bedeutung. Biomethan wird ins Erdgasnetz eingespeist oder als Kraftstoff genutzt. Gerade mit Blick auf die Dekarbonisierung des Verkehrs und die Anforderungen an erneuerbare Kraftstoffe (RED II/RED III der EU) könnte hier ein zusätzlicher Markt entstehen.
Für Landwirte verändert sich damit auch der Stellenwert der Landtechnik: Statt „nur“ Strom und Wärme zu produzieren, wird das Gas selbst zum Produkt. In der Praxis sind vor allem zwei Nutzungswege interessant:
Die eigentliche Gasaufbereitung findet in der Regel in stationären Anlagen statt, die nicht in das klassische Spektrum der Landtechnik fallen. Dennoch hat die Landtechnik an zwei Stellen direkten Einfluss: bei der Substratbereitstellung (konstanter Energiegehalt, zuverlässig verfügbare Mengen) und bei der Rückführung der Gärreste. Beide Faktoren entscheiden über die Auslastung der Anlagen und damit über die Wirtschaftlichkeit der gesamten Kette.
Biokraftstoffe aus Pflanzen: Raps, Mais & Co. unter Druck
Im Bereich der flüssigen Biokraftstoffe haben sich die Rahmenbedingungen in den letzten Jahren deutlich verschärft. Biodiesel aus Rapsöl und Bioethanol aus Getreide oder Zuckerrüben stehen immer wieder in der Kritik, mit dem Nahrungsmittelmarkt in Konkurrenz zu stehen („Tank oder Teller“) und indirekte Landnutzungsänderungen zu verursachen.
Dennoch bleibt Raps-Biodiesel in Deutschland ein relevanter Faktor. Nach Angaben der Union zur Förderung von Oel- und Proteinpflanzen (UFOP) wurden in den vergangenen Jahren regelmäßig mehr als 2 Millionen Tonnen Biodiesel aus Rapsöl hergestellt, ein Großteil davon für die Beimischung in den Straßenverkehr (B7). Für landwirtschaftliche Betriebe spielt Biodiesel vor allem als optionaler Betriebsstoff und als Absatzmarkt für Raps eine Rolle.
Spannend aus technischer Sicht wird der Umstieg auf „fortschrittliche Biokraftstoffe“ (Advanced Biofuels) der zweiten Generation. Hier werden Reststoffe wie Stroh, Holzreste oder andere lignocellulosereiche Biomassen genutzt. Diese sind jedoch technisch deutlich anspruchsvoller zu verarbeiten, und auch die Landtechnik für Ernte, Transport und Lagerung muss angepasst werden:
Genau an dieser Stelle zeigt sich: Ohne durchdachte Landtechnik und abgestimmte Arbeitsketten können Biokraftstoffe der zweiten Generation zwar auf dem Papier attraktiv sein, bleiben aber in der Praxis schwer umsetzbar.
HVO, Biomethan und E-Fuels: Welche Kraftstoffe kommen auf den Hof?
Die Frage, welche erneuerbaren Kraftstoffe sich auf landwirtschaftlichen Betrieben durchsetzen, ist noch offen. Drei Varianten zeichnen sich ab, die bereits heute relevant sind oder es in naher Zukunft werden können:
Technisch betrachtet hat HVO-Diesel den Vorteil, dass er problemlos in bestehender Landtechnik eingesetzt werden kann, sofern Freigaben vorliegen. Die Umstellung erfolgt an der Zapfsäule, nicht im Maschinenpark. Biomethan hingegen erfordert komplett andere Tanks und Motoren, bietet aber eine interessante Option für Betriebe mit eigener Biogas- bzw. Biomethanerzeugung. Hier könnte sich ein geschlossener Energiekreislauf entwickeln: Gülle und Reststoffe rein, Kraftstoff für Hof und Feld raus.
Für viele Betriebe wird sich in den kommenden Jahren die Frage stellen: Investiere ich in neue, gas- oder elektrisch betriebene Technik – oder nutze ich weiterhin Verbrennungsmotoren, aber mit erneuerbaren Kraftstoffen? Die Antwort hängt nicht nur von der Technik, sondern stark von regionalen Tankstellenstrukturen, Förderprogrammen und CO₂-Preisen ab.
Traktoren und Erntetechnik: Zwischen Diesel und Alternativen
Im Bereich der Landtechnik für die Primärproduktion (Traktoren, Mähdrescher, Häcksler, Gülle- und Transporttechnik) dominiert weiterhin der Dieselmotor. Hersteller investieren allerdings zunehmend in Alternativen:
Aus Sicht der Energiewende stellt sich die Frage, wo der größte Hebel liegt. Untersuchungen des Julius Kühn-Instituts und verschiedener Universitäten deuten darauf hin, dass Effizienzsteigerungen, optimierte Fahrstrategien und bessere Arbeitsbreiten kurzfristig oft mehr CO₂ einsparen können als ein schneller, aber teurer Technologiewechsel. Moderne Telematiksysteme, Isobus-Steuerung und teilflächenspezifische Bewirtschaftung helfen, Dieselverbrauch pro Hektar und Erntemenge zu reduzieren.
Gleichzeitig wächst der Druck, mittelfristig auf klimaneutrale oder klimaarme Kraftstoffe umzusteigen – nicht zuletzt, weil öffentliche Beschaffung (z. B. Kommunen) und Lebensmittelketten zunehmend auf „CO₂-arme Lieferketten“ achten. Für Lohnunternehmen und größere Ackerbaubetriebe könnte das zum Wettbewerbsfaktor werden.
Wirtschaftlichkeit: Wann rechnet sich der Einstieg in Biogas und Biokraftstoffe?
Die wirtschaftliche Bewertung ist komplex und von Betrieb zu Betrieb unterschiedlich. Dennoch lassen sich einige zentrale Einflussgrößen nennen:
Für Biokraftstoffe liegen die Hürden höher. Die direkte Produktion von Biodiesel oder Bioethanol auf dem Hof spielt nur eine geringe Rolle. Wichtiger ist die Frage, ob der Betrieb von höheren Erzeugerpreisen (z. B. für Raps oder Reststoffe) und von günstigeren, steuerlich begünstigten Betriebsstoffen profitieren kann. Hier lohnt sich ein genauer Blick auf regionale Förderprogramme und auf langfristige Lieferverträge mit Abnehmern.
Praktische Schritte für Betriebe: Wo anfangen?
Landwirte, die ihre Rolle in der Energiewende stärken und gleichzeitig ihren Betrieb zukunftsfähig aufstellen wollen, können in Etappen vorgehen. Bewährt hat sich ein schrittweises Vorgehen:
In vielen Fällen zeigt sich: Nicht jede Biogasanlage und nicht jeder hofeigene Kraftstoff ist wirtschaftlich sinnvoll. Aber oft lassen sich mit relativ einfachen Maßnahmen – etwa optimierter Gülleausbringtechnik, besseren Fahrstrategien und der schrittweisen Nutzung von HVO oder Biomethan – bereits messbare Beiträge zur Energiewende leisten.
Zentrale Erkenntnisse für die Praxis
Biogas und Biokraftstoffe bleiben für die Landwirtschaft ein wichtiges, aber zunehmend differenziertes Feld. Die Landtechnik ist dabei weit mehr als „nur“ Werkzeug: Sie entscheidet maßgeblich über Effizienz, Emissionen und Akzeptanz. Aus heutiger Sicht lassen sich mehrere Kernpunkte herausarbeiten:
Die Energiewende wird auf den Feldern und in den Ställen nicht allein durch neue Gesetze entschieden, sondern durch alltägliche Praxisentscheidungen: Welche Maschine wird angeschafft, wie wird sie eingesetzt, welche Stoffströme werden genutzt oder ungenutzt stehen gelassen? Genau in diesen operativen Details steckt die eigentliche Rolle der Landtechnik in der Bioenergie – und damit ein Stück weit auch der Erfolg oder Misserfolg der Energiewende im ländlichen Raum.