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Alternativen zum kupieren und schnäbeln: praxiserfahrungen aus betrieben

Alternativen zum kupieren und schnäbeln: praxiserfahrungen aus betrieben

Alternativen zum kupieren und schnäbeln: praxiserfahrungen aus betrieben

Seit Jahren steht das Kupieren von Schwänzen bei Schweinen und das Kürzen von Schnäbeln bei Legehennen und Puten in der Kritik. Zugleich haben viele Betriebe berechtigte Sorgen: Wie lassen sich Schwanzbeißen und Federpicken in den Griff bekommen, ohne zu kupieren oder zu schnäbeln – und ohne dass Tierverluste, Arbeitsspitzen und Kosten explodieren?

In mehreren EU-Ländern zeigen Praxisbetriebe inzwischen, dass es Alternativen gibt. Aber: Es sind keine einfachen „Schalter-an-aus“-Lösungen, sondern Gesamtpakete aus Haltung, Fütterung, Management und Zucht. Dieser Beitrag fasst Erfahrungen aus Betrieben in Deutschland und Nachbarländern zusammen und ordnet sie mit Blick auf Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit ein.

Rechtlicher Rahmen: der Druck steigt

Rein rechtlich ist das routinemäßige Kupieren von Ferkelschwänzen in der EU seit 1994 verboten, das routinemäßige Schnabelkürzen bei Legehennen und Puten steht ebenfalls stark unter Druck. In Deutschland fordert die Behördenpraxis zunehmend Risikoanalysen und Maßnahmenpläne, bevor Ausnahmen akzeptiert werden.

In mehreren Bundesländern laufen seit einigen Jahren Beratungsprogramme, in denen Betriebe stufenweise auf unkupierte Schweinegruppen umstellen. Ähnlich im Geflügelbereich: Handel und Eiervermarktung drängen auf schnabelunbehandelte Herden. Wer heute investiert, muss damit rechnen, dass mittelfristig nur noch Haltungsformen ohne routinemäßige Eingriffe politisch und am Markt getragen werden.

Die zentrale Frage lautet daher: Welche Bausteine sind in der Praxis tatsächlich entscheidend – und was kostet das?

Schweinehaltung: Erfahrungen mit unkupierten Gruppen

Ein Ferkelerzeuger aus Niedersachsen, 320 Sauen im geschlossenen System, arbeitet seit fünf Jahren mit unkupierten Schwänzen. Der Betrieb ist Teil eines Beratungsprojektes, in dem alle Tierverluste, Behandlungen und Schwanzverletzungen erfasst werden. Die wichtigsten Erfahrungen lassen sich in vier Bereiche gliedern: Stallklima, Beschäftigung, Fütterung und Management im Übergang.

Im ersten Durchgang ohne Kupieren lag der Anteil der Mastschweine mit deutlichen Schwanzverletzungen (Score 2–3 nach üblicher Bewertungsskala) noch bei rund 12 %. Nach Anpassungen in Fütterung und Beschäftigung sank dieser Wert innerhalb von zwei Jahren im Mittel auf unter 3 %. Die Verluste durch Schwanzbeißen blieben bei unter 1 % der Tiere.

Die entscheidenden Stellschrauben auf diesem und anderen Betrieben:

  • Stabiles Stallklima: Vermeidung von Zugluft, plötzlichen Temperaturwechseln und hohen Ammoniakkonzentrationen; regelmäßige Funktionskontrolle der Lüftung.
  • Konsequente Beschäftigung: Ständiges Angebot von organischem, manipulierbarem Material (Stroh in Raufen, Holzklötze, Seile, gelegentlich Silageballen in Boxen).
  • Fütterung optimiert: Ausreichende Rohfaser, möglichst wenig Fütterungsunterbrechungen, ausreichende Tränkenplätze.
  • Frühe Erkennung von Risikogruppen: Tägliche Tierbeobachtung, rasche Maßnahmen bei ersten Anzeichen von Schwanz- oder Ohrenbeißen.
  • „Der größte Unterschied war nicht die Technik, sondern unser Blick auf die Tiere“, sagt der Betriebsleiter im Gespräch. Früher sei das Schwanzkupieren als Sicherheitsnetz gesehen worden; kleinere Stressoren im Stall blieben oft unbemerkt. Heute würden Futterabrufe, Tierbewegungen und Geräusche intensiver beobachtet.

    Beschäftigungsmaterial: was sich bewährt hat

    Beschäftigungsmaterial ist in vielen Projekten der sichtbarste Unterschied zwischen Betrieben mit und ohne Kupieren. Doch nicht jedes Material wirkt gleich gut.

    Praktische Erfahrungen aus Schweinebetrieben in Nordrhein-Westfalen, Dänemark und den Niederlanden zeigen:

  • Stroh bleibt der „Goldstandard“, wenn es technisch machbar ist. In planbefestigten Buchten oder auf Teilspalten wird gehäckseltes Stroh täglich nachgelegt. Auf Vollspaltenboden kommen oft Strohraufen oder Kleinstmengen zum Einsatz, um Gülleprobleme zu vermeiden.
  • Press-Strohbriketts oder -würfel werden gut angenommen, haben aber je nach Produkt höhere Stückkosten.
  • Holzklötze, Beißhölzer und robuste Ketten mit organischen Elementen dienen als Ergänzung. Reine Metallketten werden deutlich schneller langweilig.
  • Silage oder Heu in Netzen oder Raufen bietet zusätzliche Beschäftigung und Rohfaser, setzt aber gute Hygienekontrolle voraus, um Verschmutzungen und Mykotoxinrisiken zu vermeiden.
  • Ein Mastbetrieb in Bayern (1.600 Mastplätze, Vollspalten) berichtet, dass der Verbrauch von Beschäftigungsmaterial im Schnitt bei rund 0,8 bis 1,2 kg Stroh je Tier und Mastdurchgang liegt, plus Holz- und Kettenmaterial. Umgerechnet auf die Kosten liegen die Mehrausgaben bei schätzungsweise 1,50–2,00 Euro pro Mastschwein. Dieser Betrag wird nach Angaben des Betriebsleiters durch weniger Schwanzverletzungen und geringere Tierverluste fast vollständig aufgefangen.

    Fütterung und Gesundheit als Basis

    Neben Beschäftigung bleibt die Fütterung ein zentraler Punkt. In mehreren Praxisbetrieben zeigte sich, dass Schwanzbeißen häufig mit Phasen von Unterversorgung (z.B. durch Futterabrisse) oder Mängeln in der Nährstoffausbalancierung zusammenhing.

    Bewährt haben sich:

  • Stabile Futterkurven ohne starke Sprünge.
  • Genügend Fress- und Tränkplätze, um Konkurrenz zu reduzieren (Richtwert bei Mastschweinen: mindestens 1 Fressplatz je 10–12 Tiere, je nach Fütterungssystem).
  • Erhöhung des Rohfaseranteils (z.B. über Rübenschnitzel, Luzerneprodukte, strukturreiche Vormischungen).
  • Regelmäßige Kontrolle der Wasserqualität und -menge.
  • Gesundheitliche Faktoren spielen ebenfalls hinein: Atemwegserkrankungen, Lahmheiten oder enterale Probleme erhöhen den Stress im Bestand und können Schwanzbeißen auslösen. In mehreren Projekten nahm die Häufigkeit von Schwanzverletzungen ab, sobald Impfprogramme, Parasitenkontrolle und Stallhygiene konsequent angepasst wurden.

    Management im Übergang: nicht alles auf einmal umstellen

    Betriebe, die komplett auf das Kupieren verzichtet haben, berichten übereinstimmend: Der schrittweise Einstieg war entscheidend. In der Praxis bedeutet das beispielsweise:

  • Zunächst einzelne Würfe oder Abteile unkupiert lassen und eng begleiten.
  • Risikobewertung dokumentieren (Stallklima, Beschäftigung, Schwanzlänge, Gesundheitsstatus) und daraus Maßnahmen ableiten.
  • Personal schulen: Erkennen früher Warnsignale (vermehrtes Beschnüffeln von Schwänzen, Unruhe, erste kleine Verletzungen).
  • Sofortmaßnahmen bereithalten: zusätzliche Beschäftigung, Futteranpassung, Trennung einzelner Tiere, bei Bedarf medikamentöse Behandlung verletzter Tiere.
  • Einige Betriebe setzen auf „gemischte Gruppen“ aus kupierten und unkupierten Tieren, um Erfahrungen zu sammeln. In der Auswertung zeigte sich allerdings, dass solche Mischgruppen bei Stress nicht immer stabiler sind – im Zweifel werden die ungeschützten Schwänze eher attackiert. Beratungsorganisationen empfehlen daher zunehmend, nach kurzer Lernphase möglichst zügig vollständige unkupierte Gruppen zu fahren und das Management konsequent anzupassen.

    Legehennen: Alternativen zum Schnabelkürzen in der Praxis

    Im Geflügelbereich hat vor allem die Legehennenhaltung in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. In mehreren EU-Ländern, darunter Deutschland, die Niederlande und Österreich, werden inzwischen hohe Anteile der Herden schnabelunbehandelt gehalten. Zentrale Kennzahl ist hier die Rate an Tieren mit stärkerem Federverlust und Hautverletzungen sowie die Mortalität am Ende der Legeperiode.

    Ein Bodenhaltungsbetrieb mit 24.000 Legehennen in Süddeutschland arbeitet seit 2017 komplett ohne Schnabelkürzen. In den ersten Durchgängen lag die Ausfallrate bei 7–8 %, mit deutlichen Problemen durch Federpicken ab der Legephase. Inzwischen gibt der Betriebsleiter an, in der Mehrzahl der Herden zwischen 4 und 5 % Mortalität zu erreichen – ein Niveau, das vergleichbar ist mit schnabelbehandelten Herden im gleichen System.

    Die wichtigsten Anpassungen auf diesem und ähnlichen Betrieben:

  • Genetik: Umstellung auf Linien mit geringerer Neigung zu Aggression und Federpicken, in Kooperation mit der Zuchtorganisation.
  • Aufzucht: Konsequente Abstimmung von Aufzucht- und Legebetrieb. Jungtiere lernen bereits in der Aufzucht Stalleinrichtung, Futter- und Tränkesystem kennen, die sie später im Legestall vorfinden.
  • Lichtmanagement: Dimmbares Licht, angepasste Lichtintensität (eher gedämpft im Tierbereich, heller an Futter- und Tränkezonen), langsame Lichtwechsel.
  • Strukturierung des Stalls: Mehr Ebenen, Rückzugsmöglichkeiten, getrennte Funktionsbereiche (Ruhe, Fressen, Scharren).
  • Ständiges Angebot von Pick- und Scharrmaterial: z.B. Strohballen, Luzernecobs, Picksteine, in einigen Betrieben auch Maissilage oder Heu in Raufen.
  • Entscheidend ist, dass die Tiere von Beginn an lernen, ihr natürliches Pickverhalten an geeignetem Material auszuleben. Fehlende Strukturierung oder zu monotone Umgebungen erhöhen das Risiko, dass aus Explorationsverhalten Federpicken wird.

    Stressfaktoren erkennen und begrenzen

    Federpicken und Kannibalismus sind multifaktorielle Probleme. In Praxisinterviews nennen Betriebsleiter immer wieder ähnliche Auslöser:

  • Futterwechsel ohne ausreichende Übergangsphase.
  • Plötzliche Lärmereignisse (Baustellen, Fluglärm, laute Maschinen im Stallbereich).
  • Wärmebelastung, besonders in den Sommermonaten.
  • Zu hohe Besatzdichten und mangelnde Ausweichmöglichkeiten.
  • Verzögerte Eientnahme, Überbelegung der Nester, starke Unruhe im Nestbereich.
  • Ein Legehennenhalter aus Niedersachsen berichtet von einem plötzlichen Anstieg des Federpickens wenige Wochen nach Einstallung einer schnabelunbehandelten Herde. Ursache war letztlich eine Kombination aus Futterwechsel und Bauarbeiten am Nachbargebäude. Die Situation stabilisierte sich, nachdem das Futter wieder schrittweise umgestellt, zusätzliche Pickblöcke ins System gebracht und die Lautstärke der Baumaßnahmen durch Abschirmungen reduziert worden war.

    Putenhaltung: ein schwieriger Sonderfall

    In der Putenhaltung ist der Ausstieg aus dem Schnabelkürzen bisher deutlich langsamer. Puten zeigen von Natur aus ein ausgeprägtes Pickverhalten und reagieren sensibel auf Störungen. Pilotprojekte, unter anderem in den Niederlanden und Skandinavien, arbeiten mit Kombinationen aus Zucht, Stallstrukturierung und intensivem Management.

    Erfahrungen aus Praxisbetrieben deuten darauf hin, dass:

  • die Wahl ruhiger, weniger aggressiver Linien besonders wichtig ist,
  • größere Ausläufe und strukturierte Stallbereiche (Deckungen, Sichtbarrieren) das Risiko von Verletzungen senken können,
  • Beschäftigungsmaterial (Strohballen, Pickblöcke, hängende Objekte) zwar hilft, aber allein nicht ausreicht.
  • Viele Betriebe sehen hier noch erheblichen Forschungs- und Entwicklungsbedarf, bevor ein flächendeckender Ausstieg aus dem Schnabelkürzen realistisch ist. Zugleich steigt der Druck von Handelsketten und Tierschutzseite, zumindest Teilherden schnabelunbehandelt zu halten und die Ergebnisse zu dokumentieren.

    Wirtschaftliche Aspekte: lohnt sich der Aufwand?

    Für die meisten Betriebe ist die Kernfrage nicht primär moralisch, sondern ökonomisch: Wie verändern sich Kosten, Arbeitszeit und Tierverluste, wenn auf Kupieren oder Schnäbeln verzichtet wird?

    Aus verschiedenen Praxisprojekten und Auswertungen lassen sich grob folgende Tendenzen erkennen:

  • Mehrkosten durch Beschäftigungsmaterial und bauliche Anpassungen sind real, bleiben aber im Bereich weniger Euro je Tier bzw. Tierplatz und Jahr.
  • Dem stehen Einsparungen gegenüber: geringere Verluste durch Schwanzbeißen oder Kannibalismus (wenn das Management funktioniert), bessere Tiergesundheit, geringerer Medikamenteneinsatz.
  • Arbeitszeit verschiebt sich: weniger Zeit für routinemäßige Eingriffe, mehr Zeit für Tierbeobachtung und Management. Viele Betriebsleiter berichten unter dem Strich von einem „anderen“ Arbeitsprofil, nicht zwingend von Mehrarbeit.
  • Marktvorteile: Programme des Lebensmitteleinzelhandels oder von Markenfleisch- und Eierinitiativen honorieren unkupierte oder schnabelunbehandelte Tiere häufig mit Zuschlägen. Diese können, je nach Programm, die Mehrkosten überkompensieren.
  • Entscheidend ist, dass der Verzicht auf routinemäßige Eingriffe nicht isoliert, sondern im Rahmen eines Gesamtbetriebskonzeptes betrachtet wird. Betriebe, die ohnehin in Tierwohlprogramme, Stallklima und Gesundheit investiert haben, tun sich nachweislich leichter.

    Beratung, Monitoring und Dokumentation

    Ein wiederkehrendes Muster auf erfolgreichen Betrieben ist der intensive Einsatz von Beratung und Monitoring. In vielen Bundesländern stehen Tierwohl- und Spezialberater zur Verfügung, die Betriebe bei der Risikoanalyse und Maßnahmenplanung begleiten.

    Typische Elemente solcher Programme sind:

  • Checklisten für Stallklima, Fütterung, Beschäftigung und Tiergesundheit.
  • Regelmäßige Betriebsbesuche mit Erfassung von Schwanz- und Federzustand nach standardisierten Scoring-Systemen.
  • Gemeinsame Auswertung von Leistungsdaten (Tageszunahmen, Futterverwertung, Mortalität, Medikamenteneinsatz).
  • Schulung von Mitarbeitern in Tierbeobachtung und Frühwarnsignalen.
  • Die Dokumentation hilft nicht nur gegenüber Behörden und Programmen, sondern ermöglicht auch innerbetrieblich, Veränderungen gezielt zu bewerten. Mehrere Betriebsleiter berichten, dass sie erst durch die systematische Erfassung erkannt haben, welche Stellschrauben in ihrem Betrieb wirklich wirken und welche eher „Kosmetik“ sind.

    Was Betriebe bei der Umstellung beachten sollten

    Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass der Verzicht auf Kupieren und Schnäbeln möglich ist – aber nicht um jeden Preis und nicht mit jedem System. Erfolgreich sind vor allem Betriebe, die Schritt für Schritt vorgehen und konsequent nachsteuern.

    Als komprimierte Orientierung lassen sich aus den Praxisberichten folgende Punkte ableiten:

  • Keine Schnellschüsse: Zunächst kleine Gruppen oder einzelne Abteile unkupiert bzw. schnabelunbehandelt fahren, Erfahrungen sammeln, dokumentieren.
  • Systemcheck vor Start: Stallklima, Lüftung, Fütterungstechnik und Wasserangebot kritisch prüfen. Schwachstellen frühzeitig beheben.
  • Beschäftigung ernst nehmen: Organisches, manipulierbares Material dauerhaft anbieten, nicht nur „für die Kontrolle“.
  • Genetik und Aufzucht abstimmen: In Hühner- und Putenhaltung gezielt Linien wählen, die mit geringerer Aggression auffallen; Aufzuchtbedingungen an spätere Haltungsform anpassen.
  • Personal einbinden: Schulungen zu Tierbeobachtung und Frühwarnsignalen, klare Handlungspläne bei ersten Anzeichen von Schwanzbeißen oder Federpicken.
  • Beratung nutzen: Tierärzte, spezialisierte Berater und bestehende Tierwohlprogramme einbeziehen; Vergleichszahlen und Erfahrungen anderer Betriebe heranziehen.
  • Ökonomie im Blick halten: Mehrkosten und Einsparungen realistisch kalkulieren, mögliche Zuschläge aus Vermarktungsprogrammen prüfen.
  • Für viele Betriebe wird der Verzicht auf Kupieren und Schnäbeln mittelfristig nicht nur eine Frage der Regulierung, sondern auch der Marktpositionierung sein. Wer den Einstieg mit Augenmaß plant, aus den Erfahrungen anderer lernt und das eigene System konsequent anpasst, kann die Risiken begrenzen – und zugleich Tierwohl und gesellschaftliche Akzeptanz der Tierhaltung stärken.

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