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Bürokratieabbau in der landwirtschaft: digitale lösungen statt papierflut

Bürokratieabbau in der landwirtschaft: digitale lösungen statt papierflut

Bürokratieabbau in der landwirtschaft: digitale lösungen statt papierflut

Warum der Bürokratieabbau gerade jetzt entscheidend ist

Viele Betriebe sind wirtschaftlich unter Druck, gleichzeitig wächst der Verwaltungsaufwand. Flächenanträge, Düngedokumentation, Tierregister, CC-Kontrollen, Tierwohlprogramme, Versicherungen, Direktvermarktung – fast jeder betriebliche Schritt erzeugt Formulare, Nachweise und Fristen. In Gesprächen mit Landwirten fällt ein Satz immer wieder: „Ich bin mehr im Büro als auf dem Acker oder im Stall.“

Der politische Ruf nach „Bürokratieabbau“ begleitet die Landwirtschaft seit Jahren. Im Koalitionsvertrag der Bundesregierung, in den Beschlüssen der Agrarministerkonferenz und im aktuellen „Bürokratieentlastungsgesetz“ taucht das Thema regelmäßig auf. Doch in der Praxis erleben viele Betriebe eher das Gegenteil: neue Auflagen, zusätzliche Kontrollen, neue Portale.

Die zentrale Frage lautet daher: Wie lässt sich der Verwaltungsaufwand auf den Höfen real verringern – nicht nur auf dem Papier? Ein Schlüssel liegt in durchdachten, praxisnahen digitalen Lösungen, die Prozesse vereinfachen, Daten doppelt nutzbar machen und Medienbrüche vermeiden. Entscheidend ist dabei, dass sie sich an der Realität der Betriebe orientieren – nicht an den Vorstellungen von Behörden-IT.

Wo die Papierflut in der Praxis entsteht

Wer den Bürokratieabbau ernst meint, muss zunächst verstehen, wo auf den Betrieben heute die meiste Zeit im Büro verloren geht. In Interviews mit Landwirten und Beratern zeigen sich immer wieder ähnliche Schwerpunkte:

Einige Landesbauernverbände haben versucht, den Zeitaufwand zu beziffern. Die Spannen sind groß, aber für viele Vollerwerbsbetriebe liegen die Angaben zwischen 300 und 800 Stunden Verwaltungsarbeit im Jahr. Selbst wenn man konservativ rechnet, entspricht das vier bis zehn vollen Arbeitswochen.

Damit ist klar: Es geht nicht um „gefühlte“ Bürokratie, sondern um handfeste Arbeitszeit, die an anderer Stelle fehlt – sei es auf dem Acker, im Stall oder bei der Betriebsentwicklung.

Digitale Lösungen: Entlastung oder nur neue Pflichtprogramme?

In den letzten Jahren wurden zahlreiche digitale Anwendungen eingeführt: elektronische Flächenanträge, das Herkunftssicherungs- und Informationssystem Tier (HIT), Online-Portale der Landwirtschaftskammern, digitale Tierarzneimittelregister, Schlagkartei-Software, Apps für Düngung und Pflanzenschutz.

Viele Betriebe nutzen heute mindestens drei bis fünf verschiedene digitale Systeme parallel. Die Rückmeldungen aus der Praxis sind gemischt:

Digitalisierung allein reduziert die Bürokratie daher nicht automatisch. Ein PDF-Formular statt eines Papierbogens ist noch kein Bürokratieabbau. Entlastung entsteht erst, wenn:

Beispiel Ackerbau: Digitale Schlagkartei statt Zettelwirtschaft

Ein klassischer Bereich für digitale Erleichterung ist die Schlagdokumentation im Ackerbau. Viele Betriebe dokumentieren Dünge- und Pflanzenschutzmaßnahmen, Saattermine und Erträge bereits digital, etwa mit Farm-Management-Informationssystemen (FMIS) oder Apps der Landtechnikhersteller.

Im Idealfall lassen sich aus diesen Daten direkt Berichte für die Düngebilanz, Pflanzenschutzjournale oder Nachweise für Zertifizierungen generieren. In der Praxis hängt der Nutzen stark von einigen Faktoren ab:

Ein Betriebsleiter eines 280-Hektar-Ackerbaubetriebs in Niedersachsen bezifferte gegenüber unserer Redaktion die Zeitersparnis durch die Umstellung auf eine konsequent genutzte digitale Schlagkartei auf „mindestens zwei volle Wochen pro Jahr“, vor allem beim Flächenantrag und bei Kontrollen. Voraussetzung war allerdings eine intensive Einführungsphase und Schulung.

Beispiel Tierhaltung: Vom Stallbuch zum integrierten Tierdaten-Management

Auch in der Tierhaltung liegt viel Potenzial im digitalen Datenmanagement. Schweine- und Rinderhalter melden heute Tierbewegungen über HIT, dokumentieren Tierarzneimittel, erfassen Leistungsdaten und erfüllen Anforderungen von Programmen wie Initiative Tierwohl oder QM-Milch.

Probleme entstehen häufig, weil dieselben Informationen in verschiedenen Systemen in leicht unterschiedlicher Form benötigt werden. Ein digitales „Stallbuch“, das diese Daten bündelt, kann hier deutlich entlasten.

In der Praxis bewähren sich Lösungen, die:

Ein Milchviehbetrieb mit 180 Kühen in Bayern berichtet beispielsweise, dass HIT-Meldungen, Tierarzneidokumentation und QM-Milch-Nachweise heute vollständig über ein integriertes Herdenmanagementsystem laufen. Der Betriebsleiter schätzt die Zeitersparnis im Vergleich zur früheren Papierdokumentation auf „rund 100 Stunden pro Jahr“.

Allerdings zeigt sich auch hier: Der Mehrwert entfaltet sich nur, wenn die Systeme laufend gepflegt, Updates eingespielt und Mitarbeiter im Umgang geschult werden. Sonst wird aus der erhofften Entlastung schnell eine neue Fehlerquelle.

Was digitale Bürokratieentlastung auf dem Hof konkret bedeutet

Für Landwirte zählt am Ende nicht, wie modern ein System aussieht, sondern ob es im Alltag tatsächlich Zeit spart und Fehler reduziert. Aus zahlreichen Erfahrungsberichten lassen sich einige klare Anforderungen ableiten:

Politik und Verwaltung: Ohne Systemwechsel bleibt die Last auf den Höfen

Die beste Hofsoftware nützt wenig, wenn Gesetze und Verordnungen immer neue Detailnachweise verlangen. Viele Fachleute weisen darauf hin, dass echter Bürokratieabbau in der Landwirtschaft nicht nur eine technische, sondern vor allem eine rechtliche Frage ist.

Einige zentrale Stellschrauben:

Das Bundeslandwirtschaftsministerium betont in seiner Digitalisierungsstrategie zwar, dass man „Medienbrüche abbauen“ und „die einmalige Datenerfassung“ fördern wolle. Aus Sicht vieler Betriebe ist aber noch ein weiter Weg zu gehen, bis diese Ziele in den Landesportalen und bei den konkreten Kontrollen vollständig ankommen.

Praktische Schritte für Betriebe: Wo sich der Einstieg lohnt

Angesichts der Vielzahl an Angeboten und Versprechen ist die Frage berechtigt: Wo fängt man an, wenn man den Papierberg wirklich verkleinern will?

Aus Gesprächen mit Beratern und Praktikern lassen sich einige pragmatische Einstiegspunkte ableiten:

Rolle der Beratung: Übersetzer zwischen Recht, Technik und Praxis

Viele Landwirte sehen sich im Spannungsfeld zwischen komplexen rechtlichen Vorgaben und einer unüberschaubaren Zahl technischer Lösungen. Hier können Berater eine wichtige Rolle einnehmen – als „Übersetzer“ und Filter.

Landwirtschaftskammern, Erzeugergemeinschaften, Maschinenringe und unabhängige Berater bieten zunehmend Schulungen und Servicepakete für digitale Dokumentation an. Erfolgreich sind aus Sicht vieler Betriebe Angebote, die:

Ein Berater eines Maschinenrings brachte es im Gespräch auf den Punkt: „Die Technik an sich ist selten das Hauptproblem. Entscheidend ist, ob sie zu den Abläufen und Menschen auf dem jeweiligen Hof passt.“

Ausblick: Was sich Landwirte von Politik und Technik zu Recht erwarten

Der Druck, Bürokratie abzubauen, wird in den kommenden Jahren weiter steigen. Steigende Anforderungen in den Bereichen Klima, Biodiversität, Tierwohl und Lebensmittelsicherheit werden sich nicht völlig ohne Nachweise abbilden lassen. Die Frage ist daher nicht, ob Daten erhoben werden – sondern wie.

Damit digitale Lösungen in der Landwirtschaft tatsächlich zum Bürokratieabbau beitragen, zeichnen sich aus Sicht vieler Betriebe einige klare Leitlinien ab:

Am Ende wird sich die Akzeptanz digitaler Systeme an einem einfachen Kriterium messen lassen: Verbringen Landwirte in fünf bis zehn Jahren spürbar weniger Zeit mit Formularen und Meldungen – und mehr mit Pflanzen, Tieren und unternehmerischen Entscheidungen? Ob dieses Ziel erreicht wird, hängt von allen Beteiligten ab: Gesetzgebern, Behörden-IT, Softwareanbietern, Beratern und nicht zuletzt von der Bereitschaft der Betriebe, sich auf neue Arbeitsweisen einzulassen.

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