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Gentechnik und neue züchtungsmethoden: wohin steuert die agrarpolitik

Gentechnik und neue züchtungsmethoden: wohin steuert die agrarpolitik

Gentechnik und neue züchtungsmethoden: wohin steuert die agrarpolitik

Zwischen Labor und Acker: Warum die Debatte jetzt Fahrt aufnimmt

Kaum ein agrarpolitisches Thema polarisiert derzeit so stark wie die Gentechnik und die neuen Züchtungsmethoden (New Genomic Techniques, NGT). Während in vielen Labors längst an pilzresistentem Weizen oder trockenheitstolerantem Mais gearbeitet wird, gelten auf den Feldern der EU nach wie vor weitgehend die strengen Regeln der klassischen Gentechnik-Richtlinie von 2001.

Die EU-Kommission will das ändern. Im Juli 2023 legte sie einen Vorschlag vor, der bestimmte NGT-Pflanzen deutlich erleichtert zulassen würde. Das Europäische Parlament hat im Februar 2024 zugestimmt – mit Änderungen. Die Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, sind jedoch gespalten. Für Landwirte stellt sich die praktische Frage: Welche Sorten werden in fünf bis zehn Jahren wirklich zur Verfügung stehen – und unter welchen Auflagen?

Dieser Artikel ordnet den Stand der Debatte ein, zeigt die agrarpolitischen Konfliktlinien und fragt, was das für Ackerbau- und Veredelungsbetriebe in Deutschland konkret bedeuten könnte.

Was steckt hinter „neuen Züchtungsmethoden“?

Unter neuen Züchtungsmethoden werden meist Verfahren wie CRISPR/Cas verstanden, mit denen das Erbgut einer Pflanze gezielt an bestimmten Stellen verändert werden kann. Im Unterschied zur klassischen Gentechnik wird dabei häufig kein fremdes Gen eingeschleust, sondern nur die eigene DNA „umgeschrieben“ oder minimal verändert.

Wichtige Verfahren sind unter anderem:

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat 2018 entschieden, dass auch solche Pflanzen rechtlich als gentechnisch verändert gelten und unter die strenge GVO-Richtlinie fallen. Das bedeutet: aufwendige Zulassungsverfahren, Kennzeichnungspflicht, Rückverfolgbarkeit – und in der Praxis bisher faktisch keine Anbauzulassungen in der EU.

Der Vorschlag der EU-Kommission: Zwei Klassen von NGT-Pflanzen

Um diesen Stillstand aufzubrechen, schlägt die EU-Kommission ein zweistufiges System vor (Stand: Herbst 2024, Trilog-Verhandlungen laufen):

Das Europäische Parlament hat dieses Grundprinzip im Februar 2024 bestätigt, aber zusätzliche Sicherheitsauflagen gefordert, etwa Verbote für Herbizid-Toleranz in Kategorie-1-Pflanzen. Die endgültige Ausgestaltung hängt nun von den Verhandlungen zwischen Rat, Parlament und Kommission ab.

Die deutsche Agrarpolitik zwischen Koalitionsvertrag und Koalitionsstreit

Im deutschen Koalitionsvertrag (SPD, Grüne, FDP) heißt es, man wolle die Chancen neuer Züchtungsmethoden nutzen, gleichzeitig aber hohe Umwelt- und Verbraucherschutzstandards sichern. In der Praxis zeigt sich jedoch ein deutlicher Riss in der Ampel:

Beim Votum im EU-Agrarrat enthielt sich Deutschland zuletzt mehrfach, weil sich das Bundeslandwirtschaftsministerium (geführt von den Grünen) und das Bundesforschungsministerium (geführt von der FDP) nicht auf eine gemeinsame Linie einigen konnten. Für die Praxis bedeutet das: Die politische Richtung in Berlin ist derzeit unklar, Entscheidungen fallen auf EU-Ebene – unter deutscher Enthaltung.

Argumente der Befürworter: Klimaanpassung, Pflanzenschutz, Wettbewerbsfähigkeit

Zahlreiche Agrarverbände, Pflanzenzüchter und Forschungseinrichtungen werben für eine Öffnung bei NGT. Ihre Hauptargumente:

Aus Sicht vieler Ackerbauern ist ein weiterer Punkt entscheidend: Wenn weniger wirksame Pflanzenschutzmittel zur Verfügung stehen (Stichwort: Wegfall von Wirkstoffen, EU-Reduktionsziele), steigt der Druck, über Sortenresistenz Produktionssicherheit zu gewinnen.

Kritik der Skeptiker: Koexistenz, Haftung und Marktakzeptanz

Umweltverbände, Öko-Verbände und Teile der Verbraucherorganisationen lehnen eine weitgehende Liberalisierung ab oder fordern deutlich strengere Auflagen. Die zentralen Kritikpunkte:

Hinzu kommt die Frage der Marktakzeptanz: Während sich laut Eurobarometer-Umfragen eine leichte Entspannung in der Wahrnehmung von Biotechnologie abzeichnet, ist das Vertrauen in „Gentechnik im Essen“ in vielen EU-Ländern weiterhin begrenzt. Für exportorientierte Branchen (z.B. Veredelungswirtschaft, Molkereiprodukte) spielt auch die Akzeptanz auf Drittlandsmärkten eine Rolle.

Beispiele aus der Praxis: Wo NGT-Pflanzen relevant werden könnten

Auch wenn in der EU bislang kaum NGT-Sorten auf dem Markt sind, lässt sich aus laufenden Forschungsprojekten abschätzen, wo praktische Relevanz entstehen könnte:

Ob und wann solche Sorten tatsächlich auf deutschen Flächen stehen, hängt direkt von der künftigen Regulierung ab. Züchter signalisieren: Ohne Planungssicherheit bei Zulassung, Patent- und Sortenschutzrecht sind Investitionen in NGT-Projekte schwer kalkulierbar.

Was bedeutet das für Öko-Betriebe und „Ohne Gentechnik“-Erzeuger?

Deutschland ist ein wichtiger Markt für Bio und „Ohne Gentechnik“-Produkte. Beide Segmente definieren sich stark über Prozessqualität und Abgrenzung. Für sie ist die NGT-Debatte existenziell:

Öko- und Verbundbetriebe fordern deshalb klare nationale Regelungen zu:

Relevante Kosten- und Nutzenfragen für Betriebe

Für Landwirte steht am Ende weniger die Grundsatzfrage „Gentechnik: ja oder nein?“ im Vordergrund, sondern die betriebswirtschaftliche Rechnung. Einige Punkte, die in Beratungsgesprächen zunehmend diskutiert werden:

Für kleinere Betriebe und Direktvermarkter kann die Kommunikationsfrage wichtiger sein als jeder Deckungsbeitrag: Wie erkläre ich meinen Kunden, welche Sorten ich anbaue und warum?

Wie könnte eine praxisnahe Regulierung aussehen?

Zwischen Totalverbot und völlig freier Fahrt gibt es zahlreiche Zwischenschritte, die in der Debatte immer wieder genannt werden. Fachleute aus Behörden, Wissenschaft und Praxis diskutieren unter anderem:

Ob die endgültige EU-Regelung diese Elemente enthält, ist offen. Vieles wird aber auch darüber entschieden, wie die Mitgliedstaaten mögliche Spielräume national ausfüllen.

Was Betriebe jetzt schon im Blick behalten sollten

Auch wenn die politische Entscheidung noch aussteht, ist das Thema auf vielen Höfen angekommen. Einige pragmatische Punkte, die Betriebe unabhängig vom eigenen Grundsatzstandpunkt prüfen können:

Ausblick: Wohin steuert die Agrarpolitik – und was heißt das für den Acker?

Die kommenden ein bis zwei Jahre werden entscheidend dafür sein, ob und wie neue Züchtungsmethoden ihren Weg auf deutsche und europäische Felder finden. Mehrere Trends zeichnen sich ab:

Ob neue Züchtungsmethoden am Ende eher als Chance für mehr Resilienz und geringeren Betriebsmittelaufwand wahrgenommen werden, oder als Risiko für Marktakzeptanz und Koexistenz, wird stark von der Art der Regulierung abhängen – und davon, wie transparent die agrarpolitischen Entscheidungen kommuniziert werden. Sicher ist: Ganz ohne Positionierung wird kein Betrieb auskommen, denn die Debatte wird nicht im Labor entschieden, sondern letztlich auf dem Acker und im Markt.

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