Hitzesommer, neue Krankheitserreger, politische Vorgaben zum Tierwohl: Die Anforderungen an Nutztierrassen verändern sich gerade grundlegend. In vielen Regionen Deutschlands liegen die Temperaturen an mehr als 30 Tagen im Jahr über 30 Grad, Stallklima und Weidebedingungen geraten an ihre Grenzen. Parallel breiten sich Vektoren wie Stechmücken und Zecken aus, die Krankheiten übertragen, die vor wenigen Jahren noch als „Südeuropa-Problem“ galten.
Züchter reagieren darauf mit einem klaren Leitmotiv: klimastabile Rassen. Gemeint sind Tiere, die mit Hitze, wechselnden Futterqualitäten und neuen Krankheitserregern besser zurechtkommen – ohne dass Leistung und Wirtschaftlichkeit völlig hintenüberfallen. Doch wie weit ist die Zucht wirklich? Und was bedeutet das für Milchviehhalter, Schweine- und Geflügelbetriebe konkret?
Was „klimastabil“ in der Tierzucht praktisch bedeutet
Der Begriff „Klimastabilität“ ist in Fachkreisen noch nicht eindeutig definiert, umfasst aber in der Regel drei Bereiche:
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Hitzetoleranz: Tiere können ihre Körpertemperatur auch bei höherer Umgebungstemperatur stabil halten und zeigen weniger Leistungseinbrüche.
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Krankheitsresistenz: geringere Anfälligkeit für bestimmte Erreger oder Parasiten, oft messbar über weniger Behandlungstage oder bessere Überlebensraten.
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Robustheit / Anpassungsfähigkeit: Tiere kommen mit Futter- und Klimaschwankungen zurecht, ohne stark in Kondition oder Fruchtbarkeit einzubrechen.
In Zuchtprogrammen werden diese Merkmale zunehmend als eigene Zuchtziele definiert. Das ist ein Wandel: In den 1990er- und 2000er-Jahren standen bei vielen Rassen vor allem Milch- oder Tageszunahmen im Mittelpunkt. Heute werden Gesundheits- und Robustheitsmerkmale in den Gesamtzuchtwerten deutlich höher gewichtet. Ein Beispiel: Laut Deutschem Holstein Verband (DHV) ist der Anteil der funktionalen Merkmale im Gesamtzuchtwert moderner Holsteinbullen inzwischen auf rund 40 % gestiegen.
Milchvieh: Zwischen Hochleistung und Hitzestress
Milchkühe reagieren empfindlich auf Hitze. Ab einer „Temperatur-Luftfeuchte-Kombination“ (THI-Wert) von etwa 68 sinken Futteraufnahme und Milchleistung, Fruchtbarkeitsstörungen nehmen zu. In norddeutschen Regionen wird dieser Schwellenwert laut DWD-Daten inzwischen über mehrere Wochen im Jahr überschritten.
Die Zucht reagiert auf zwei Ebenen:
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Innerhalb der bestehenden Rassen: Bei Holstein, Fleckvieh und Braunvieh werden Hitzetoleranz- und Gesundheitsmerkmale gezielt erfasst. In Australien und den USA existieren bereits eigene Zuchtwerte für „Heat Tolerance“, basierend auf Milchleistungsdaten bei Hitzewellen und Körpertemperatur-Messungen. Europäische Zuchtorganisationen, z. B. in Spanien und Italien, arbeiten an ähnlichen Systemen, deren Daten zunehmend auch in deutsche Gesamtzuchtwerte einfließen.
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Einkreuzen robuster Genetik: Einige Betriebe setzen auf Kreuzungen, zum Beispiel Holstein x Montbéliarde x skandinavische Rotbunte (ProCROSS-System). Studien aus Dänemark und Frankreich zeigen, dass solche Kreuzungskühe oft eine bessere Fruchtbarkeit und höhere Lebensdauer aufweisen – beides Faktoren, die unter Hitzestress besonders wichtig sind.
Konkretes Beispiel aus der Praxis: Ein Milchviehbetrieb mit 250 Kühen in Rheinland-Pfalz, der in einem Projekt der Landesanstalt für Landwirtschaft mitarbeitet, erfasst seit 2020 kontinuierlich die Körpertemperatur seiner Kühe über Sensor-Halsbänder. Die Auswertung zeigt: Tiere aus Linien mit höherem Gesundheitszuchtwert haben während Hitzeperioden im Mittel 0,3 bis 0,4 Grad niedrigere Körpertemperaturen und einen geringeren Leistungsrückgang als Herdenmitglieder mit reinem Leistungsfokus.
Für Landwirte stellt sich die ökonomische Frage: Lohnt sich ein stärkerer Fokus auf Robustheit, wenn der Liter Milch an der Tafel weiterhin gleich bezahlt wird? In mehreren Modellrechnungen (u. a. Thünen-Institut 2022) zeigt sich: Betriebe in Regionen mit häufigen Hitzetagen profitieren mittel- bis langfristig von geringeren Tierarztkosten, weniger Remontierung und stabileren Leistungen – auch wenn die absolute Spitzleistung pro Kuh etwas niedriger liegen kann.
Fleischrinder: Traditionell robust, aber nicht automatisch klimafit
Bei Mutterkuhherden denken viele sofort an „robuste Rassen“, die auf kargen Standorten zurechtkommen. Rassen wie Angus, Hereford oder Galloway werden seit Jahrzehnten gezielt auf Weidetauglichkeit und Futtereffizienz unter extensiven Bedingungen gezüchtet. Doch auch hier verschieben sich die Rahmenbedingungen.
Zum einen steigt der Druck durch Parasiten (z. B. Magen-Darm-Würmer, Zecken), zum anderen nimmt auf vielen Standorten die Sommertrockenheit zu. Zuchtverbände reagieren unter anderem, indem sie folgende Daten stärker erfassen und in Zuchtwerten abbilden:
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Klauengesundheit und Fundament für lange Weidesaison auf teilverdorrten, unebenen Flächen.
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Mütterliche Eigenschaften wie Leichtkalbigkeit und Vitalität der Kälber, um Verluste bei Witterungsstress zu minimieren.
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Parasitenresistenz, beispielsweise über FEC-Messungen (Eizahl im Kot) in Forschungsherden, wie sie etwa in Irland und Neuseeland seit einigen Jahren standardisiert erhoben werden.
Ein Trend, der auch in Deutschland Fuß fasst, ist die Nutzung afrikanischer oder tropischer Genetik, etwa von Zebu-Rassen, für Kreuzungen in besonders exponierten Regionen oder Versuchsbetrieben. Projekte der EU (z. B. „GenTORE“) prüfen, wie sich solche Kreuzungen auf Anpassungsfähigkeit, Fleischqualität und Tierwohl auswirken. Für die breite Praxis in Mitteleuropa bleibt dies vorerst ein Nischenthema – doch Zuchtziele wie „Resilienz gegenüber klimatischem Stress“ sind inzwischen in vielen Fleischrinderzuchtprogrammen verankert.
Schweine: Krankheitsdruck und Futtereffizienz im Fokus
Beim Schwein steht weniger der direkte Hitzetod im Vordergrund als vielmehr der kombinierte Stress aus Stallklima, Keimbelastung und hoher Leistung. Tiere sind sensibel gegenüber Hitzestress, reagieren mit verringerter Futteraufnahme, schlechter Futterverwertung und Einbrüchen in der Fruchtbarkeit. Gleichzeitig verstärkt warm-feuchte Luft das Risiko von Atemwegserkrankungen.
Große Zuchtunternehmen haben auf diese Entwicklungen reagiert, indem sie neben klassischen Merkmalen wie Tageszunahmen, Magerfleischanteil und Wurfgröße verstärkt Gesundheitsmerkmale integrieren, etwa:
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Robustheit und Überlebensrate der Ferkel bis zum Absetzen.
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Langlebigkeit der Sauen, gemessen an Anzahl der Würfe und Remontierungsrate.
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Resistenz gegenüber spezifischen Erregern, zum Beispiel PRRS, wo in einigen Ländern bereits gezielt auf bestimmte Genvarianten selektiert wird.
Die Diskussion um „klimastabile Schweinerassen“ hat zudem eine politische Dimension: In Szenarien des Umweltbundesamtes zu zukünftigen Emissionszielen im Tierbereich spielt eine bessere Futterverwertung eine zentrale Rolle. Tiere, die Futter effizienter in Muskelmasse umsetzen, verursachen pro Kilogramm Fleisch weniger Emissionen – und reagieren oft auch besser auf Temperaturschwankungen, wenn die genetische Selektion mit guten Haltungsbedingungen einhergeht.
Aus der Praxis berichten einige Ferkelerzeuger, dass sie bewusst Linien wählen, die zwar etwas kleinere Würfe, dafür aber robustere Ferkel bringen. Der Hintergrund: In Hitzeperioden ist das Risiko von Saugferkelverlusten durch Kreislaufprobleme und Trinkschwäche erhöht. Weniger, aber kräftigere Ferkel können hier wirtschaftlich im Vorteil sein.
Geflügel: Enge Zuchtziele unter Klimadruck
Im Geflügelbereich sind die Zuchtprogramme stark konzentriert, wenige internationale Konzerne bestimmen bei Broilern und Legehennen den Markt. Über Jahrzehnte wurde sehr eng auf Leistung, Futterverwertung und einheitliche Schlachtkörper bzw. Eizahlen gezüchtet. Klimatische Anpassungsfähigkeit und Krankheitsresistenz gewinnen jetzt rasant an Bedeutung.
Mehrere Forschungsarbeiten, etwa von der FAO und der EU, zeigen, dass lokale Geflügelrassen in Afrika und Asien eine deutlich höhere Hitzetoleranz und Krankheitsresistenz besitzen als internationale Hochleistungs-Hybriden – bei deutlich geringerer Leistung. Ein Ansatz ist deshalb, genetische Marker für Hitzetoleranz (z. B. bestimmte Varianten von Hitzeschockproteinen) zu identifizieren und in die Hochleistungszuchtlinien einzubringen.
In Deutschland und Europa kommen zwei Entwicklungen hinzu:
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Weide- und Mobilstallsysteme im Öko- und Freilandbereich erhöhen die Exposition gegenüber Witterung und Krankheitserregern. Hier experimentieren Betriebe und kleinere Zuchtunternehmen mit robusteren braunen und bunten Linien, die zwar weniger Eier legen, dafür aber weniger Verluste zeigen.
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Gesetzliche Vorgaben zur Reduzierung von Antibiotikaeinsatz und zur Verbesserung des Tierwohls erhöhen den Druck, genetisch weniger anfällige Tiere einzusetzen.
Ein Beispiel liefert ein Öko-Legehennenbetrieb in Niedersachsen, der im Rahmen eines EIP-Agri-Projekts drei unterschiedliche Linien testet: eine klassische weiße Hybridlinie, eine braune Hochleistungsrasse und eine robuster gezüchtete Zweinutzungsrasse. Nach zwei Hitzesommern lagen die Verluste in der Zweinutzungsgruppe laut Projektdaten rund 30 % niedriger, die Legeleistung jedoch etwa 15 % hinter den weißen Hybriden. Die betriebswirtschaftliche Bewertung fällt deshalb standort- und vermarktungsabhängig aus.
Zuchtmethoden: Von Kreuzung bis Genomik
Wie kommen „klimastabile“ Eigenschaften in die Rassen? Im Wesentlichen spielen vier Ansätze eine Rolle:
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Breitere Zuchtziele: Zuchtorganisationen erweitern ihre Gesamtzuchtwerte um Merkmale wie Hitzetoleranz, Klauengesundheit oder Mastitisresistenz. Dazu braucht es verlässliche Daten, die zunehmend über Sensorik (Temperatur, Aktivität, Wiederkauen) und Gesundheitsdokumentation erhoben werden.
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Kreuzungszucht: Durch die Kombination unterschiedlicher Rassen entsteht der sogenannte Heterosis-Effekt, der oft zu höherer Vitalität und Robustheit führt. Beispiele sind Drei-Rassen-Kreuzungen im Milchvieh oder in der Schweinemast.
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Genomische Selektion: Über DNA-Analysen lässt sich vorhersagen, welche Tiere bestimmte Eigenschaften mit hoher Wahrscheinlichkeit vererben. Das beschleunigt die Zucht auf komplexe Merkmale wie Krankheitsresistenz, erfordert aber große Datensätze und zuverlässige Referenzherden.
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Langfristige Erhaltungszucht: Alte Rassen werden in Erhaltungsprogrammen gehalten, um genetische Vielfalt zu sichern. Ihr Potenzial für Klimastabilität wird in mehreren EU-Projekten untersucht. Allerdings ist die direkte Übertragung in Hochleistungssysteme oft schwierig.
Gentechnische Eingriffe, etwa über CRISPR/Cas, werden in der internationalen Forschung intensiv diskutiert, etwa zur Anlagemodifikation für Virusresistenz. In der EU sind solche Anwendungen derzeit regulatorisch stark eingeschränkt und spielen in den praktischen Zuchtprogrammen kaum eine Rolle.
Risiken und Grenzen klimastabiler Zuchtziele
So attraktiv der Begriff „klimastabile Rasse“ klingt: Er ersetzt keine Anpassung der Haltungssysteme. Ohne wirksame Kühlung, Schatten, ausreichend Wasser und angepasstes Fütterungsmanagement stoßen auch genetisch besser angepasste Tiere an ihre Grenzen.
Zudem gibt es Zielkonflikte:
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Leistung vs. Robustheit: In vielen Fällen bedeutet höhere Robustheit eine leicht niedrigere Spitzenleistung. Betriebe müssen entscheiden, welcher Mix aus Sicherheit und Output für ihren Standort sinnvoll ist.
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Spezialisierung vs. Vielfalt: Sehr eng gezüchtete Spezialrassen bleiben anfällig, wenn sich Umweltbedingungen unerwartet ändern. Andererseits ist genetische Vielfalt in der Praxis oft schwer zu vermarkten, weil Schlacht- und Molkereiwirtschaft auf Standardisierung setzt.
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Datenschutz und Abhängigkeit: Je stärker Zucht auf großen, internationalen Datensätzen und Genomik basiert, desto abhängiger werden Betriebe von wenigen Zuchtunternehmen und Plattformen. Fragen nach Dateneigentum und Mitspracherecht stellen sich hier sehr konkret.
Hinzu kommt: Nicht jede „robuste“ Rasse ist automatisch nachhaltiger. Ein Tier, das sehr langsam wächst oder deutlich weniger Milch gibt, braucht mehr Futter und verursacht pro Produkteinheit möglicherweise sogar höhere Emissionen. Entscheidend ist das Gesamtsystem.
Was Betriebe heute konkret tun können
Auch wenn viele Zuchtentwicklungen langfristig wirken, gibt es Entscheidungen, die Landwirte bereits jetzt beeinflussen können:
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Zuchtwerte prüfen: Beim Bullen- oder Ebersamenkauf gezielt auf Gesundheits- und Robustheitszuchtwerte achten: z. B. Eutergesundheit, Fruchtbarkeit, Klauengesundheit, Lebensdauer, Ferkelvitalität. Die meisten Zuchtorganisationen bieten inzwischen Filterfunktionen für solche Merkmale.
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An Standort anpassen: In Regionen mit häufigen Hitzetagen lohnt es sich, den Schwerpunkt stärker auf Robustheit zu legen, in kühleren Höhenlagen kann nach wie vor die Leistung im Vordergrund stehen. Beratungseinrichtungen bieten hierzu oft standortspezifische Empfehlungen.
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Kreuzungssysteme prüfen: Wer mit hohen Tierverlusten oder Fruchtbarkeitsproblemen kämpft, kann gemeinsam mit Beratern Kreuzungsstrategien durchspielen. Wichtig ist eine saubere Planung, damit nicht ein „bunter Zoo“ mit schwer kalkulierbarer Leistung entsteht.
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Gesundheitsdaten erfassen: Ohne belastbare Daten ist Zucht auf Klimastabilität kaum möglich. Behandlungsjournal, Abgangsursachen, Tierarztberichte und Sensorikdaten sind wertvolle Grundlagen – sowohl für betriebliche Entscheidungen als auch für überbetriebliche Zuchtprogramme.
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Kooperation mit Zuchtorganisationen: Testherden und Pilotbetriebe erhalten oft frühzeitig Zugang zu neuen Linien und Zuchtkonzepten. Wer bereit ist, Daten zu liefern und mitzuforschen, kann Entwicklungen aktiv mitgestalten.
Langfristig wird sich zeigen, welche Kombination aus Zucht, Haltung und Management in den unterschiedlichen Regionen Deutschlands am besten trägt. Klar ist schon jetzt: Klimastabile Rassen sind kein Marketing-Schlagwort, sondern zunehmend ein nüchterner Wettbewerbsfaktor – für Zuchtunternehmen ebenso wie für landwirtschaftliche Betriebe.
Für die Praxis lassen sich drei Kernbotschaften ableiten:
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Ohne Daten keine Anpassung: Wer Tiergesundheit, Leistungen und Ausfälle systematisch erfasst, kann gezielt Zucht- und Managemententscheidungen treffen.
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Robustheit ist ein wirtschaftlicher Faktor: Weniger Tierarztkosten, geringere Verlustraten und stabilere Leistungen während Hitzewellen zahlen sich langfristig aus – auch wenn die Spitze etwas niedriger liegt.
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Zucht allein reicht nicht: Genetische Anpassung muss mit Investitionen in Stallklima, Fütterung und Tierbetreuung kombiniert werden, sonst bleiben die Potenziale klimastabiler Rassen ungenutzt.
Für viele Betriebe beginnt die Anpassung an das Klima nicht mit einem radikalen Rassenwechsel, sondern mit einer schrittweisen Verschiebung der Zuchtziele – hin zu mehr Gesundheit, Robustheit und Langlebigkeit. Die genetische Basis dafür wird heute gelegt.
