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Kohlenstoffspeicherung im boden: neue einkommensquellen durch klimadienstleistungen

Kohlenstoffspeicherung im boden: neue einkommensquellen durch klimadienstleistungen

Kohlenstoffspeicherung im boden: neue einkommensquellen durch klimadienstleistungen

Warum Kohlenstoffspeicherung im Boden plötzlich ein Geschäftsmodell wird

Steigende CO₂-Preise, Green Deal, Lieferketten-Gesetze: Klimaschutz ist längst nicht mehr nur ein politisches Schlagwort, sondern beeinflusst ganz konkret die Erlöse und Auflagen auf landwirtschaftlichen Betrieben. Parallel dazu wächst der Markt für sogenannte Klimadienstleistungen. Gemeint sind Leistungen, mit denen Betriebe nachweisbar Treibhausgase einsparen oder CO₂ im Boden binden – und dafür Geld erhalten.

Im Zentrum steht dabei die Kohlenstoffspeicherung im Boden. Humusaufbau, reduzierte Bodenbearbeitung, Agroforstsysteme oder Zwischenfrüchte können den Kohlenstoffgehalt im Boden erhöhen. Die Frage ist: Lässt sich daraus für landwirtschaftliche Betriebe ein verlässliches zweites Standbein machen – oder ist es eher ein riskantes Nischenprodukt?

Der folgende Beitrag ordnet die politischen und marktlichen Rahmenbedingungen ein, zeigt Praxisbeispiele aus verschiedenen Betriebsformen und skizziert, worauf Landwirte achten sollten, bevor sie einen Vertrag über CO₂-Zertifikate unterschreiben.

Politischer Rahmen: Vom Green Deal bis zur „Carbon-Farming-Initiative“

Auf EU-Ebene ist das Thema klar gesetzt: Die EU-Kommission will mit dem „EU-Green-Deal“ und der „Farm-to-Fork-Strategie“ den Agrarsektor stärker in den Klimaschutz einbinden. In mehreren Papieren zur sogenannten „Carbon-Farming-Initiative“ wird explizit auf die Rolle von Böden als Kohlenstoffsenke verwiesen.

Für die Praxis sind vor allem drei Entwicklungen relevant:

Die Richtung ist damit klar: Kohlenstoffspeicherung im Boden wird politisch gefördert und reguliert. Was aber noch fehlt, ist ein europaweit einheitlicher Standard für Messung, Zertifizierung und Handel der dabei generierten Klimaleistungen.

Was bedeutet Kohlenstoffspeicherung im Boden praktisch?

Kohlenstoff gelangt über die Photosynthese der Pflanzen in den Boden. Wurzeln, Ernterückstände und organische Düngung werden im Boden abgebaut, ein Teil davon wird als Humus längerfristig gebunden. Dieser gespeicherte Kohlenstoff wird in der Klimadebatte als „CO₂-Senke“ betrachtet.

Wichtige Hebel auf Betriebsebene sind:

Viele dieser Maßnahmen sind nicht neu. Neu ist die Idee, die zusätzlich aufgebaute Kohlenstoffmenge messbar zu machen und als Klimaservice an Dritte zu verkaufen.

Wie wird der zusätzliche Kohlenstoff im Boden nachgewiesen?

Damit aus Humusaufbau ein marktfähiges Produkt wird, braucht es drei Dinge: Messung, Verifizierung und Handelbarkeit. Genau hier liegen derzeit die größten Unsicherheiten.

In der Praxis werden verschiedene Ansätze kombiniert:

Wichtig ist der Begriff „Zusätzlichkeit“: Honoriert wird in den meisten Programmen nur der Kohlenstoff, der zusätzlich im Vergleich zu einer Referenzpraxis aufgebaut wird. Wer schon seit Jahren konsequent Zwischenfrüchte anbaut und konservierend bearbeitet, hat es daher schwer, hohe „zusätzliche“ Mengen nachzuweisen – obwohl der Betrieb aus Klimasicht oft besser dasteht als ein konventionell geführter Ackerbaubetrieb.

Hinzu kommt: Kohlenstoff im Boden ist nicht für immer sicher. Stark wendende Bearbeitung, längere nackte Böden oder extreme Witterung können den aufgebauten Humus wieder abbauen. Deshalb arbeiten viele Zertifizierungsprogramme mit Sicherheitsabschlägen oder Pufferkonten, auf denen ein Teil der Gutschriften zurückgehalten wird.

Erlöspotenziale: Was ist pro Hektar realistisch?

Die Vergütung für Klimadienstleistungen im Boden variiert stark. Sie hängt vom Programm, vom Nachweisverfahren und von der Zahlungsbereitschaft der Käufer (oft Lebensmittelindustrie, Energieunternehmen oder andere Branchen) ab.

Auf Basis verschiedener derzeit am Markt aktiver Programme lassen sich grob folgende Spannen skizzieren:

Diese Zahlen sind als Orientierungswerte zu verstehen, nicht als Garantie. In Regionen mit hohem Humuspotenzial und langfristig angelegten Programmen können die Erlöse höher sein. In intensiv genutzten Ackerbaulagen mit bereits hohem Humusgehalt und eingeschränkten Maßnahmenoptionen liegen sie eher am unteren Ende der Skala.

Für die meisten Betriebe wird Kohlenstoffspeicherung im Boden damit kein eigenständiger Betriebszweig wie Milch oder Getreideverkauf, sondern eher ein Zusatzerlös, der sinnvoll mit ohnehin geplanten Anpassungen in Fruchtfolge und Bodenbearbeitung verknüpft werden kann.

Praxisbeispiel Ackerbaubetrieb: Zwischenfrüchte, Direktsaat und Zertifikate

Ein 450-Hektar-Ackerbaubetrieb auf Lössstandort in Westdeutschland stellt seit einigen Jahren die Bodenbearbeitung um. Ziel sind geringere Erosionsschäden, bessere Befahrbarkeit und Kosteneinsparungen. Der Betriebsleiter führt ein gestuftes System ein: Weg vom Vollumbruch, hin zu Mulchsaat und teilweise Direktsaat in eine konsequente Zwischenfruchtbegrünung.

Parallel dazu nimmt der Betrieb an einem Programm zur Kohlenstoffspeicherung teil, das auf modelli­erter Bilanzierung und stichprobenartigen Bodenproben basiert. Die Dokumentation der Bewirtschaftung erfolgt digital über ein Schlagkartei-System, das mit dem Programm verknüpft ist.

Die Ergebnisse nach der ersten Programmphase (fünf Jahre):

Der Betriebsleiter bewertet die Zertifikatserlöse als „interessanten Bonus“, aber nicht als tragende Säule der Betriebsfinanzen. Ausschlaggebend für die Fortführung sind vor allem die agronomischen Effekte: stabilere Erträge in Witterungsstressjahren und ein allmählicher Anstieg des Humusgehalts in den oberen Bodenschichten.

Praxisbeispiel Milchviehbetrieb: Grünland als Kohlenstoffspeicher

Ein Familienbetrieb mit 120 Milchkühen im Mittelgebirge wirtschaftet vorwiegend auf Dauergrünland. Der Betrieb liefert an eine Molkerei, die sich stärker als „klimapositiv“ positionieren will und gemeinsam mit einem Dienstleister ein Programm für CO₂-Bilanzierung auf den Lieferbetrieben etabliert.

Im Fokus stehen hier weniger klassische Zertifikate für den offenen CO₂-Markt, sondern die Verbesserung der gesamten Klimabilanz je Liter Milch. Dazu werden mehrere Maßnahmen kombiniert:

Die Molkerei vergütet teilnehmenden Betrieben einen Aufschlag je Liter, wenn bestimmte Klimaziele erreicht werden. Der Erlös entspricht umgerechnet 20 bis 35 Euro pro Hektar und Jahr für die beteiligten Flächen. Gleichzeitig wird der betriebliche CO₂-Fußabdruck transparent gemacht – eine Grundlage, die bei zukünftigen Lieferverträgen eine Rolle spielen dürfte.

Der Betriebsleiter sieht die größte Chance weniger im kurzfristigen Mehrerlös, sondern in der Absicherung des Marktzugangs: „Wer seine Emissionen und Senken nicht kennt und dokumentiert, wird in ein paar Jahren Probleme bekommen, noch hochwertige Vermarktungswege zu haben.“

Risiken und offene Fragen: Dauerhaftigkeit, Doppelzählung, Vertragsbindung

Auch wenn die Beispiele zeigen, dass es am Markt funktionierende Modelle gibt, bleiben wesentliche Unsicherheiten:

Die EU arbeitet zwar an einem Rechtsrahmen für die Zertifizierung von Carbon-Removal-Aktivitäten, doch bis einheitliche Standards etabliert sind, bleibt die Verantwortung beim einzelnen Betrieb, Verträge und Risiken genau zu prüfen.

Welche Maßnahmen bringen Klimaeffekt und betriebliche Vorteile?

Für viele Betriebe ist entscheidend, dass Klimadienstleistungen nicht nur auf dem Papier wirken, sondern auch betriebswirtschaftlich Sinn ergeben. Besonders interessant sind Maßnahmen, die mehrere Effekte kombinieren:

Aus agronomischer Sicht sind viele „Klimamaßnahmen“ klassische Elemente einer nachhaltigen Bodenbewirtschaftung. Die zusätzliche Klimaprämie kann ein Anreiz sein, solche Maßnahmen konsequenter und flächen­deckender umzusetzen.

Worauf Betriebe vor Vertragsabschluss achten sollten

Bevor ein Betrieb in ein Programm zur Kohlenstoffspeicherung im Boden einsteigt oder CO₂-Zertifikate verkauft, sollten einige Punkte systematisch geprüft werden:

In vielen Regionen bieten landwirtschaftliche Beratungsringe, Kammern oder unabhängige Klimaberater mittlerweile Orientierungsworkshops an. Diese können helfen, Programme zu vergleichen und eine zu Betrieb und Standort passende Strategie zu entwickeln.

Ausblick: Rolle der Landwirtschaft im künftigen Kohlenstoffmarkt

Fest steht: Ohne Böden und ohne Landwirtschaft werden die Klimaziele der EU kaum zu erreichen sein. Gleichzeitig darf Kohlenstoffspeicherung im Boden nicht zur alleinigen Rechtfertigung für weiter hohe Emissionen in anderen Sektoren werden. Aus Sicht vieler Fachleute sollten Klimadienstleistungen aus der Landwirtschaft daher eher Ergänzung als Ersatz für Emissionsreduktionen in Industrie, Verkehr oder Energie sein.

Für landwirtschaftliche Betriebe bedeutet das:

In der Zwischenzeit lohnt es sich, die eigenen Böden nicht primär wegen potenzieller Zertifikatserlöse, sondern als zentrale Produktions- und Klimaschutzressource zu betrachten. Dort, wo Humusaufbau, Bodenschutz und Klimadienstleistungen zusammenfallen, entsteht für viele Betriebe ein solides Paket aus Risikoreduzierung und moderatem Zusatzeinkommen.

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