Immer mehr Betriebe suchen nach zusätzlichen Einnahmequellen jenseits von Milchpreis, Mastschwein und Getreideerlös. Direktvermarktung, Ferien auf dem Bauernhof und Energieproduktion sind längst etabliert. Weniger im Fokus steht bisher ein anderer Ansatz: Landwirtschaft und Kunst systematisch zu verbinden. Dabei zeigt sich in vielen Regionen Europas, dass genau hier interessante Spielräume für neue Geschäftsmodelle entstehen – gerade im Kontext nachhaltiger Landwirtschaft.
Warum Kunst auf den Hof passt – und nicht nur als „Deko“
Kunst auf dem Bauernhof klingt für manche Betriebe zunächst nach „nice to have“, aber nicht nach betriebswirtschaftlicher Option. Schaut man genauer hin, ergeben sich jedoch handfeste Vorteile:
- Zusätzliche Einnahmen durch Eintrittsgelder, Führungen, Vermietung von Flächen und Verkauf von Kunstwerken oder kreativen Produkten.
- Mehr Sichtbarkeit in der Region, in lokalen Medien und im Tourismusmarketing.
- Bessere Vermittlung von Nachhaltigkeit, weil Umwelt- und Tierschutzthemen über künstlerische Formate emotional und verständlich erzählt werden können.
- Stärkung der Akzeptanz für Landwirtschaft, wenn Verbraucher den Hof als Ort von Kultur, Bildung und Begegnung erleben.
In mehreren europäischen LEADER-Regionen wurden in den vergangenen Jahren Kunst- und Kulturprojekte auf Höfen gefördert. Die Rückmeldungen aus Evaluationsberichten ähneln sich: Kunst lockt ein anderes Publikum auf die Betriebe als klassische Hoffeste – und viele dieser Besucher kommen später als Kunden für Hofladen, Abo-Kiste oder Ferienwohnung zurück.
Kunst- und Skulpturenwege auf Acker- und Grünlandflächen
Einer der einfachsten Einstiege sind Kunstpfade oder Skulpturenwege auf betriebseigenen Flächen. Hier wird die vorhandene Infrastruktur genutzt: Feldwege, Blühstreifen, Brachen, Waldränder.
Typischer Aufbau:
- Kooperation mit 3–10 regionalen Künstlerinnen und Künstlern.
- Installation von wetterfesten Skulpturen, Objekten oder LandArt-Arbeiten an ausgewählten Punkten.
- Beschilderung mit kurzen Texten zu Werk, Künstler und landwirtschaftlichem Kontext (Boden, Fruchtfolge, Wasserschutz, Tierhaltung).
- Öffnung des Rundwegs an Wochenenden oder dauerhaft, ggf. mit kleiner Eintrittsgebühr oder Spendenbox.
Ein Milchviehbetrieb in Norddeutschland hat seinen 2,5 km langen „Kunst- und Klimapfad“ mit Fördermitteln des Landes aufgebaut. Pro Saison (April bis Oktober) besuchen nach eigenen Angaben rund 2.000 Personen den Weg, etwa ein Drittel davon nutzt anschließend das Hofcafé oder kauft Produkte im Automaten. Die Erlöse aus Eintritt (3–5 Euro), Café und Direktvermarktung tragen laut Betriebsleiter deutlich zur Deckung der zusätzlichen Arbeitszeit bei.
Für nachhaltig wirtschaftende Betriebe bietet sich an, die Kunstwerke gezielt an Themen wie Bodenleben, Humusaufbau, Agroforst oder Weidehaltung zu koppeln. So wird aus „Kunst im Grünen“ ein Lernpfad, der gleichzeitig das eigene Nachhaltigkeitsprofil klar kommuniziert.
Hofgalerie, Atelierflächen und Kunst auf Zeit
Viele Höfe verfügen über leerstehende Altgebäude, Scheunen oder ehemalige Stallungen. Was oft als Last empfunden wird, kann zum Vorteil werden: als Galerie, Atelier oder Veranstaltungsraum.
Mögliche Modelle:
- Dauerhafte Hofgalerie: Ein Teil der Scheune wird baulich einfach hergerichtet, minimale Klimatisierung und Beleuchtung genügen häufig. Wechselnde Ausstellungen regionaler Kunst mit Umsatzbeteiligung oder Mietpauschale.
- Zwischennutzung: Bevor Gebäude aufwendig saniert oder umgenutzt werden, kann eine befristete Kunstnutzung (1–3 Jahre) getestet werden. Gut geeignet, um Nachfrage und eigenes Arbeitsaufkommen einzuschätzen.
- Offene Ateliers: Künstlerinnen und Künstler mieten sich stunden- oder tageweise ein, z.B. für Kurse oder Workshops, während der Hof gleichzeitig Produkte, Verpflegung oder Übernachtung anbietet.
Im Allgäu zeigt ein Bioland-Betrieb, wie das konkret aussehen kann: In einer ehemaligen Maschinenhalle sind eine kleine Galerie, ein Seminarraum und ein Bereich für Mal- und Fotokurse entstanden. Die Investition blieb überschaubar, weil vorhandene Strukturen genutzt wurden. Laut Betriebsleiter liegen die Zusatzeinnahmen im mittleren vierstelligen Bereich pro Jahr – bei saisonal gebündelter Arbeitsbelastung, hauptsächlich an Wochenenden.
Entscheidend ist, die Haftungs- und Brandschutzfragen frühzeitig mit der Kommune und der Versicherung zu klären. Für Kulturveranstaltungen gelten teilweise andere Auflagen als für reine Lager- oder Stallnutzung. Wer Fördermittel für eine solche Umnutzung in Anspruch nimmt, muss zudem mit Verwendungsnachweisen und Laufzeitbindungen rechnen.
LandArt und Umweltbildung: Nachhaltigkeit sichtbar machen
LandArt – also Kunst mit und in der Landschaft – eignet sich besonders, um Nachhaltigkeitsthemen auf eine anschauliche Weise zu vermitteln. Hier werden natürliche Materialien wie Erde, Steine, Holz, Stroh, Hecken oder Wasserstrukturen direkt in das künstlerische Konzept integriert.
Mögliche Formate:
- Großformatige Bodenbilder zu Themen wie Fruchtfolge, Insektenvielfalt oder Wasserschutz.
- Installationen entlang von Hecken, Knicks oder Agroforststreifen, die deren ökologische Funktion erklären.
- Beteiligungsprojekte mit Schulklassen: Bau von Insektenhotels, Weidenskulpturen oder temporären Installationen.
Die Kombination mit bestehenden Bildungsangeboten (Lernort Bauernhof, Schulklassen, Kita-Gruppen) bietet sich an. Ein Betrieb, der ohnehin Führungen zu Weidehaltung oder Ökolandbau anbietet, kann durch künstlerische Elemente die Aufenthaltsdauer und Zahlungsbereitschaft der Gruppen erhöhen. Honorare für kreative Workshops liegen je nach Region und Gruppengröße häufig zwischen 150 und 500 Euro pro Termin.
Wichtig ist eine klare Rollenaufteilung: Die künstlerische Leitung sollte bei professionellen Kreativen liegen, während der Betrieb die agronomische Expertise und die Einbettung in den Hofalltag übernimmt. So bleibt der fachliche Anspruch hoch, ohne dass die künstlerische Qualität leidet.
Künstlerische Produktgestaltung: Vom Etikett bis zur Hofgeschichte
Nicht jeder Hof möchte Besucherströme auf dem Gelände. Auch ohne Publikum vor Ort kann Kunst in Form von Gestaltung und Storytelling zusätzliche Wertschöpfung bringen – besonders in der Direktvermarktung.
Ansatzpunkte:
- Gestaltung von Etiketten und Verpackungen durch Künstlerinnen und Künstler aus der Region, mit Motiven aus dem Betrieb (Tiere, Felder, Hofansichten).
- Kleine Kunsteditionen auf Verpackungen, z.B. wechselnde Motive auf saisonalen Produkten oder limitierten Serien.
- Illustrierte Hofgeschichten in Form von Faltblättern, Postkarten oder kleinen Heften, die Herkunft, Nachhaltigkeitsmaßnahmen und Familiengeschichte erzählen.
Direktvermarkter berichten immer wieder, dass ein durchdachtes Design die Zahlungsbereitschaft deutlich erhöht. Wenn das Etikett nicht nur hübsch aussieht, sondern gleichzeitig die nachhaltige Bewirtschaftung erklärt, entsteht ein doppelter Effekt: Wertschätzung und Differenzierung gegenüber anonymen Produkten im LEH.
Wer mit Künstlern zusammenarbeitet, sollte vertraglich regeln, wem die Bildrechte gehören, wie lange sie genutzt werden dürfen und ob die Motive exklusiv für den Betrieb reserviert sind. Eine einmalige Vergütung ist möglich, fairer ist aber oft eine Kombination aus Grundhonorar und prozentualem Anteil am Produktumsatz mit den gestalteten Artikeln.
Konzerte, Lesungen, Theater: Der Hof als Kulturort
Schon viele Betriebe veranstalten gelegentlich ein Hoffest oder einen Tag der offenen Tür. Der Schritt zum regelmäßigen Kulturprogramm ist kleiner, als es scheint – kann aber wirtschaftlich deutlich interessanter sein.
Möglichkeiten reichen von kleinen Konzerten im Hofcafé über Lesungen in der Scheune bis hin zu Freilufttheater zwischen Apfelreihen oder auf einer Weidefläche. Gerade im Sommer suchen Ensembles und Bands häufig nach ungewöhnlichen Spielorten. Der Betrieb stellt Fläche, Basisinfrastruktur (Toiletten, Strom, Parkplatz) und ggf. einfache Bewirtung, die Künstler bringen ihr Publikum und die künstlerische Leistung.
Finanzierungsmodelle:
- Einnahme über Eintrittskarten, oft im Vorverkauf, Risiko je nach Vertrag geteilt zwischen Hof und Künstlern.
- Getränke- und Speisenverkauf als zusätzliche Erlösquelle für den Betrieb.
- Unterstützung durch kommunale Kulturämter, regionale Stiftungen oder LEADER-Mittel.
Ein mittelgroßer Mutterkuhbetrieb in Ostdeutschland hat beispielsweise eine kleine „Scheunenkulturreihe“ etabliert: vier Veranstaltungen pro Jahr, von Jazz bis Kabarett. Laut Betriebsleiter sind die Direktgewinne überschaubar, aber die Veranstaltungen haben die Sichtbarkeit des Hofes massiv erhöht. Der Hofladen verzeichnet seit Start der Reihe rund 15–20 % mehr Stammkundschaft aus der nahen Kleinstadt.
Künstlerresidenzen: Kreative arbeiten auf Zeit auf dem Hof
Ein spannendes Format, das bisher vor allem im Ausland verbreitet ist, sind sogenannte Künstlerresidenzen: Kreative leben und arbeiten für mehrere Wochen oder Monate auf dem Hof. Im Gegenzug entstehen Kunstwerke, Workshops, Ausstellungen oder digitale Inhalte (z.B. Fotoprojekte, Filme über den Betrieb).
Typischer Rahmen:
- Aufenthalt von 2–8 Wochen, Unterkunft auf dem Hof oder in der Nähe.
- Nutzung bestimmter Flächen, Materialien oder Gebäude nach Absprache.
- Am Ende eine öffentliche Präsentation (Ausstellung, Performance, Vortrag).
- Vergütung über ein Stipendium (z.B. aus Kulturförderung) oder eine Mischfinanzierung aus Hofbudget, Fördermitteln und Eigenleistung der Künstler.
Für nachhaltig wirtschaftende Betriebe kann eine solche Residenz helfen, komplexe Themen zu übersetzen: Wie lässt sich die Umstellung auf Ökolandbau künstlerisch dokumentieren? Wie sieht ein Jahr in der Weidehaltung als Fotoprojekt aus? Welche Geschichten erzählen Bodenprofile, wenn man sie künstlerisch interpretiert?
Wichtig ist hier eine sorgfältige Auswahl der Teilnehmenden und eine klare Vereinbarung über Erwartungen, Rechte an entstehenden Werken und Nutzung von Bildmaterial (z.B. für Website, Social Media oder Förderberichte).
Förderung, Rechtliches und Kooperationen
Wer Kunst- und Kulturprojekte auf dem Hof umsetzt, bewegt sich an der Schnittstelle zwischen Landwirtschaft, Tourismus und Kultur. Das eröffnet zusätzliche Fördermöglichkeiten – schafft aber auch neue Anforderungen.
Mögliche Förderquellen (je nach Bundesland unterschiedlich):
- LEADER- und andere EU-Förderprogramme im ländlichen Raum.
- Landeskulturstiftungen oder kommunale Kulturämter.
- Tourismusverbände, insbesondere wenn Projekte öffentlich zugänglich und touristisch vermarktbar sind.
- Private Stiftungen mit Schwerpunkt Kultur, Umweltbildung oder ländliche Entwicklung.
Rechtlich sollten Betriebe insbesondere folgende Punkte prüfen:
- Haftung für Besucher auf dem Hofgelände und auf Wegen (Weidezaun, Maschinenverkehr, Rutschgefahr in Stallnähe).
- Versicherungen für Veranstaltungen, Ausstellungen und Objekte (Haftpflicht, ggf. Kunstversicherung).
- Baurecht und Brandschutz, wenn Gebäude für Publikum geöffnet oder umgebaut werden.
- Gewerberecht und Steuerfragen, insbesondere wenn Kulturangebote einen erheblichen Umsatzanteil erreichen.
In der Praxis haben sich Kooperationen mit Kulturvereinen, Volkshochschulen, Schulen und lokalen Künstlernetzwerken bewährt. Diese Partner bringen Erfahrung in Organisation, Finanzierung und Öffentlichkeitsarbeit mit, während der Betrieb seine Flächen, seine Geschichte und seine landwirtschaftliche Fachkompetenz einbringt.
Wirtschaftlichkeit und Arbeitszeit: Was sollten Betriebe realistisch erwarten?
Kunst auf dem Hof ist kein „schnelles Geld“. Erfahrungsgemäß brauchen neue Angebote zwei bis drei Jahre, um sich zu etablieren, Stammkunden zu gewinnen und Abläufe zu optimieren. Wer einsteigt, sollte daher mit moderaten Erwartungen starten und die reale Arbeitszeit genau erfassen.
Praxisnahe Fragen vor Projektstart:
- Wie viele zusätzliche Besuchertage sind realistisch – und wie viele brauche ich, damit sich der Aufwand lohnt?
- Welche Arbeiten kann ich an Partner auslagern (Organisation, Ticketverkauf, Werbung)?
- Welche bestehenden Strukturen kann ich nutzen (Hofladen, Café, Ferienwohnung, Bildungsangebote)?
- Wie passt das Projekt in arbeitsintensive Zeiten (Ernte, Abkalbesaison, Stallumbau)?
Viele erfolgreiche Betriebe beginnen mit einem oder zwei kleineren Formaten, etwa einem Kunstwochenende pro Jahr oder einem temporären Skulpturenpfad während der Sommerferien. Aus diesen Testläufen können sie lernen, welche Zielgruppen tatsächlich kommen, welche Angebote angenommen werden – und wo es hakt.
Hilfreich sind einfache Besucherbefragungen: Woher kommen die Gäste? Wie haben sie vom Angebot erfahren? Wofür geben sie Geld aus (Eintritt, Produkte, Gastronomie)? Diese Daten erleichtern es, das Angebot gezielt zu schärfen, statt ins Blaue hinein zu investieren.
Was Betriebe aus bisherigen Projekten lernen können
Auch wenn Kunst auf dem Bauernhof in Deutschland noch kein Massenphänomen ist, zeichnen sich aus vorhandenen Projekten und Studien einige zentrale Erkenntnisse ab:
- Kleine, gut durchdachte Formate funktionieren besser als sehr große, einmalige Events ohne Anschlussangebot.
- Kunst und Nachhaltigkeitsthemen sollten eng verzahnt sein, sonst verpufft der Effekt für das Hofimage.
- Verlässliche Partner sind entscheidend – sowohl künstlerisch als auch organisatorisch.
- Transparente Kommunikation zu Eintrittspreisen, Öffnungszeiten und Hofregeln reduziert Konflikte mit Besuchern.
- Der Mehrwert für den Kernbetrieb muss klar sein: höhere Direktvermarktung, bessere Auslastung von Ferienwohnungen, stärkere Bindung von Stammkunden.
Für nachhaltig wirtschaftende Höfe kann Kunst zu einem wichtigen Baustein der Gesamtstrategie werden: Sie macht Umweltleistungen sichtbar, schafft neue Anknüpfungspunkte für Verbraucher und eröffnet zusätzliche Einnahmequellen, die weniger von Weltmarktpreisen und Erntemengen abhängen.
Ob Skulpturenpfad, Hofgalerie, Konzerte in der Scheune oder künstlerisch gestaltete Produktlinien – entscheidend ist nicht das Format, sondern die Passung zum Betrieb: zur Arbeitsorganisation, zur Lage, zu den vorhandenen Gebäuden und zur Persönlichkeit der Menschen auf dem Hof. Wer klein anfängt, sauber kalkuliert und sich die richtigen Partner sucht, kann mit Kunst und Kultur mehr erreichen, als es auf den ersten Blick scheint: wirtschaftlich, gesellschaftlich und für die Akzeptanz einer nachhaltigen Landwirtschaft.