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Ökologische bewirtschaftung großer flächen: betriebsmodelle im fokus

Ökologische bewirtschaftung großer flächen: betriebsmodelle im fokus

Ökologische bewirtschaftung großer flächen: betriebsmodelle im fokus

Ökologischer Landbau gilt vielen als typisch für kleinere, vielfältig strukturierte Betriebe. Gleichzeitig stehen gerade große Ackerbaubetriebe zunehmend unter Druck, ihre Klimabilanz, Biodiversität und Nährstoffkreisläufe zu verbessern. Die Frage liegt auf der Hand: Kann man mehrere hundert oder sogar tausend Hektar ökologisch bewirtschaften – und wenn ja, mit welchen Betriebsmodellen?

Rahmenbedingungen: Warum große Flächen jetzt über Öko-Strategien nachdenken

Auslöser sind vor allem drei Entwicklungen, die sich in Gesprächen mit Betriebsleitern und Beratern immer wieder zeigen:

Studien des Thünen-Instituts und verschiedener Landesforschungsanstalten zeigen: Der ökologische Landbau ist auf großen Flächen technisch machbar, aber nur mit angepassten Betriebsmodellen wirtschaftlich tragfähig. Entscheidend sind Rotation, Organisation, Vermarktung und Technik.

Modell 1: Vollumstellung des Großbetriebs auf Ökolandbau

Die „klassische“ Variante ist die vollständige Umstellung eines Großbetriebs auf ökologische Bewirtschaftung nach EU-Öko-Verordnung oder Verbandsrichtlinien (Bioland, Naturland, Demeter u. a.). In Ostdeutschland gibt es inzwischen etliche Betriebe mit 1.000 bis 3.000 ha ökologischer Ackerfläche.

Typische Merkmale dieser Betriebe:

Vorteil: Ein konsistentes System mit klarer Ausrichtung, einheitlichen Standards und einfacher Kommunikation nach außen, etwa gegenüber Vermarktern und Zertifizierern.

Nachteil: Hohes Risiko in der Umstellungsphase. Zwei Jahre Umstellungszeit mit geringeren Erträgen und noch ohne Vollerlöse als Bio-Produkt sind für große Flächen ein erheblicher finanzieller Brocken. Laut Auswertungen aus Öko-Betriebsvergleichen schwanken die Deckungsbeiträge im Ackerbau in den ersten fünf Jahren stark, insbesondere bei Hackfrüchten.

Modell 2: Teilumstellung – Öko-Inseln auf Großschlägen

Ein zweites, verbreitetes Modell ist die Teilumstellung: Nicht der ganze Betrieb, sondern definierte Schläge oder Betriebszweige werden ökologisch bewirtschaftet. Beispiele:

Vorteil: Der Betrieb kann Erfahrungen sammeln und Risiken begrenzen. Investitionen in Spezialtechnik (z. B. Hacktechnik) werden zunächst auf einer begrenzten Fläche erprobt. Finanzierung und Liquidität bleiben flexibler.

Herausforderung ist die organisatorische Trennung: Düngemittel, Pflanzenschutzmittel, Ernte- und Lagerlogistik müssen zwischen Öko- und konventionellen Teilen sauber getrennt werden. In der Praxis zeigt sich, dass dafür klare Zuständigkeiten und eine eindeutige Hoforganisation nötig sind, etwa eigene Lagerflächen, separat geführte Maschinen oder konsequente Reinigungsprotokolle.

Modell 3: Kooperationen und Verbundsysteme

Gerade im Ökolandbau sind Kooperationsmodelle zwischen Betrieben ein wichtiger Schlüssel, um große Flächen effizient zu bewirtschaften. Typische Konstellationen:

Studien von FiBL und Thünen-Institut zeigen, dass solche Verbundmodelle Skaleneffekte heben können – insbesondere bei Spezialtechnik, Lagerung und Vermarktung. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Abstimmung und Vertragsmanagement.

Modell 4: Dienstleistungsbasierte Bewirtschaftung

Ein noch jüngeres Modell ist die Bewirtschaftung im Lohn durch spezialisierte Öko-Dienstleister. Dabei bleiben die Flächen im Eigentum großer Betriebe oder Investoren, die praktische Bewirtschaftung übernimmt ein Bio-Lohnunternehmen.

In der Praxis sieht das so aus:

Für Investorenbetriebe oder Agrarholdings kann dieses Modell attraktiv sein, wenn eigenes Öko-Know-how fehlt und man sich nicht aufwendig eine interne Fachabteilung aufbauen will. Für bestehende Großbetriebe ist es eine Option, wenn die Mannschaft ausgelastet ist, aber Flächen erweitert oder versuchsweise umgestellt werden sollen.

Kritisch gesehen wird in Beratungen oft die Abhängigkeit vom Dienstleister und die Gefahr, dass betriebsspezifisches Wissen nicht im Unternehmen aufgebaut wird. Andererseits ermöglichen solche Modelle, große Flächen schnell und fachlich sauber nach Öko-Standards zu bewirtschaften.

Modell 5: Digitalisierung und robotergestützte Systeme auf großen Öko-Flächen

Vor allem auf großen Schlägen spielt die Technik eine zentrale Rolle. Ökologischer Ackerbau ist arbeitsintensiver, insbesondere bei der mechanischen Unkrautregulierung. Hier setzt eine wachsende Zahl an Pilotprojekten an, die digitale Lösungen erproben:

In mehreren vom BMEL geförderten Modell- und Demonstrationsvorhaben zeigt sich: Die Technik kann Arbeitszeit pro Hektar senken und die Qualität der Unkrautregulierung verbessern – vorausgesetzt, Bedienpersonal ist geschult und die Abläufe im Betrieb angepasst.

Wirtschaftlichkeit: Wann rechnet sich Öko auf großen Flächen?

Entscheidend für die Praxis ist am Ende die Frage: Unter welchen Bedingungen sind ökologische Bewirtschaftungsmodelle auf großen Flächen wirtschaftlich konkurrenzfähig?

Auswertungen von Betriebszweigauswertungen und Beratungspraxis zeigen einige immer wiederkehrende Faktoren:

Erfahrungen aus ostdeutschen Großbetrieben zeigen, dass die Arbeitszeit je Hektar im Öko-Anbau – trotz moderner Technik – spürbar höher liegt. Gleichzeitig sinken Ausgaben für Mineraldünger und chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel stark, während Kosten für Maschinen und Lohnarbeit steigen. Die Nettoeffekte sind stark betriebsspezifisch.

Praxisbeispiele: Wie Betriebe Modelle kombinieren

Interessant ist, wie Betriebe in der Realität Elemente verschiedener Modelle kombinieren. Drei typisch gewordene „Mischformen“:

Diese Beispiele zeigen: Starre Schubladen („klein = öko, groß = konventionell“) sind längst überholt. Die Bandbreite reicht von voll ökologisch wirtschaftenden Großbetrieben über Hybridsysteme bis hin zu stark ausgelagerten Bewirtschaftungsmodellen.

Typische Stolpersteine bei großen Öko-Flächen

Berater und Betriebsleiter nennen immer wieder ähnliche Problemfelder, wenn große Flächen auf Öko umgestellt werden:

Was bedeutet das für die Praxis?

Für Betriebe, die über ökologische Bewirtschaftung größerer Flächen nachdenken, zeichnen sich einige pragmatische Leitlinien ab, die sich aus Studien, Beratungserfahrung und Praxisbeispielen ableiten lassen:

Ob ökologische Bewirtschaftung großer Flächen zum eigenen Betrieb passt, lässt sich nicht mit einer Formel beantworten. Entscheidend ist, ein Betriebsmodell zu wählen, das zur eigenen Flächenstruktur, zur Mannschaft, zur regionalen Vermarktung und zur Risikobereitschaft passt. Die Beispiele aus der Praxis zeigen: Wer systematisch plant, Kooperationen nutzt und bereit ist, aus den ersten Jahren zu lernen, kann auch auf mehreren hundert oder tausend Hektar stabile ökologische Produktionssysteme etablieren – mit realistischen Erträgen und klaren Perspektiven.

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