Smart Farming ohne Cloud? Theoretisch möglich, praktisch wird es immer schwieriger. Viele Hersteller von Landtechnik, Farm-Management-Systemen und Wetterdiensten setzen inzwischen konsequent auf webbasierte Plattformen. Für Betriebe stellt sich damit weniger die Frage, ob sie Cloud-Dienste nutzen, sondern vielmehr: Wie sicher sind meine Daten – und was bringt mir das Ganze im Alltag wirklich?
Digitalisierung auf dem Acker: Vom USB-Stick zur Cloud
Noch vor zehn Jahren wurden Ertragskarten häufig per USB-Stick aus dem Terminal gezogen und im Büro in einer lokalen Software ausgewertet. Heute landen dieselben Daten automatisch in der Cloud des Maschinenherstellers oder eines unabhängigen Anbieters. Laut Bitkom nutzten 2023 bereits rund 60 % der deutschen Betriebe ab 50 ha mindestens einen Cloud-basierten Agrardienst, Tendenz steigend. Große Ackerbau- und Veredelungsbetriebe liegen deutlich darüber.
Die Treiber dieser Entwicklung sind klar:
- präzisere Sensorik an Maschinen und im Stall,
- zunehmende Vorgaben zur Dokumentation,
- wachsende Datenmengen (Bilddaten, Telemetrie, Wetterreihen),
- steigende Anforderungen an Auswertung und Vernetzung.
Viele Betriebe stehen zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite der Wunsch nach besserer Steuerung von Ackerbau, Fütterung und Technik – auf der anderen Seite die Sorge, die eigene Datenshoheit aus der Hand zu geben.
Was bedeutet „Cloud“ im Smart Farming konkret?
Unter Cloud-Diensten im landwirtschaftlichen Kontext versteht man in der Praxis vor allem drei Bereiche:
- Farm-Management-Informationssysteme (FMIS): Schlagkartei, Düngeplanung, Pflanzenschutzdokumentation, Herdenmanagement, oft mit mobilen Apps verknüpft.
- Telemetrie- und Flottenmanagement: Maschinendaten, Positionsdaten, Kraftstoffverbrauch, Wartungsintervalle, häufig direkt vom Traktor- oder Mähdrescherhersteller bereitgestellt.
- Spezialisierte Analysetools: z. B. Ertragskartenauswertung, Zonenbildung für teilflächenspezifische Bewirtschaftung, Auswertung von Melk- und Gesundheitsdaten im Stall.
Gemeinsam ist diesen Systemen: Die Daten werden nicht (nur) lokal auf dem Hofrechner gespeichert, sondern auf Servern eines Dienstleisters – meist verteilt auf Rechenzentren, zunehmend auch innerhalb der EU (Stichwort: DSGVO, Gaia-X, Agri-Gaia).
Praxisbeispiel Ackerbau: Cloud-gestützte Teilflächenbewirtschaftung
Ein 450-ha-Gemischtbetrieb in Niedersachsen nutzt seit drei Jahren ein cloudbasiertes FMIS mit Telemetrieanbindung. Sämaschine, Düngerstreuer und Pflanzenschutzspritze sind ISOBUS-fähig und senden nach jedem Einsatz Flächendaten und Applikationsmengen automatisch an die Plattform.
Der betriebliche Mehrwert zeigt sich in drei Bereichen:
- Dokumentation: Die Schlagkartei füllt sich praktisch „von selbst“. Laut Betriebsleiter spart der Betrieb dadurch nach eigener Schätzung 40–50 Arbeitsstunden pro Jahr im Büro ein.
- Düngebedarfsermittlung: Nmin-Werte, Ertragskarten der letzten fünf Jahre und Sensorinformationen aus Satellitenbildern werden in der Cloud verrechnet. Daraus entstehen Applikationskarten für N- und P-Düngung. Ergebnisse: geringere Überlappungen, punktuell reduzierte Aufwandmengen, bessere Einhaltung der Obergrenzen in roten Gebieten.
- Maschinenauslastung: Telemetriedaten zeigen Standzeiten, Leerlaufphasen und durchschnittliche Flächenleistungen je Schlepper. Darauf aufbauend rechnete der Betrieb die Eigenmechanisierung gegen überbetrieblichen Einsatz. Ergebnis: ein 180-PS-Schlepper wurde verkauft, bestimmte Arbeiten werden seitdem vom Lohnunternehmer übernommen.
Im ersten Jahr standen für den Betrieb jedoch weniger die Effizienzgewinne als die offenen Fragen zur Datensicherheit im Vordergrund:
- Wer sieht die Schlagdaten?
- Darf der Hersteller die Telemetriedaten für eigene Auswertungen nutzen?
- Was passiert, wenn der Dienstleister verkauft wird oder den Dienst einstellt?
Diese Fragen lassen sich nur beantworten, wenn die Verträge und Nutzungsbedingungen im Detail geprüft werden – ein Punkt, bei dem viele Betriebe nach wie vor zu wenig Zeit investieren.
Praxisbeispiel Tierhaltung: Datenaustausch im Kuh- und Schweinestall
In der Milchviehhaltung laufen Daten aus Melkrobotern, Fütterungsanlagen, Pedometer- oder Halsbandsensoren und dem Herdenmanagement zusammen. Anbieter werben mit cloudbasierten Plattformen, die:
- Brunstsignale automatisch erkennen,
- Tiergesundheit per Aktivitäts- und Wiederkauanalyse überwachen,
- Leistungsdaten mit Fütterung und Genetik verknüpfen.
Ein 220-Kuh-Betrieb in Bayern hat seine Melk- und Tierdaten vor zwei Jahren von einer lokalen Software auf eine Cloud-Lösung umgestellt. Laut Betriebsleiter liegen die Vorteile vor allem in:
- Zugriff: Tierdaten sind auf Smartphone und Tablet verfügbar, auch im Stall und unterwegs – wichtig für Abstimmung mit Tierarzt und Besamungstechniker.
- Updates: Softwareaktualisierungen laufen automatisch, neue Auswertungsmodule wurden ohne Neuinstallation verfügbar.
- Service: Der Hersteller kann bei technischen Problemen per Fernzugriff unterstützen.
Die Kehrseite: Der Betrieb ist stark an den Anbieter gebunden. Ein Wechsel des Systems würde nicht nur Hardware, sondern auch einen umfassenden Datenexport erfordern – und der ist nicht immer vollständig möglich oder kostenfrei. Im Schweinebereich berichten Mäster und Ferkelerzeuger ähnliches, etwa bei cloudgestützten Fütterungsrechnern und Klimasteuerungen.
Rechtlicher Rahmen: Wem gehören die Agrardaten?
Rein rechtlich gibt es in der EU bisher keine eigenständige, einheitliche Definition von „Eigentum an Daten“. Für landwirtschaftliche Daten gelten im Kern:
- Datenschutzrecht (DSGVO): Relevant, sobald personenbezogene Daten betroffen sind – etwa Mitarbeiterdaten, Einzelbetriebsdaten in Kombination mit Namen oder Adressen.
- Vertragsrecht: Die Nutzungsrechte an Maschinendaten, Ertragskarten oder Sensordaten werden meist in Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) oder Datenverarbeitungsverträgen geregelt.
- Wettbewerbsrecht: Greift, wenn Datenmonopole entstehen oder Hersteller ihre Marktmacht durch Datenzugang absichern.
Initiativen wie der „Code of Conduct on Agricultural Data Sharing“ (CEMA, Copa-Cogeca u. a.) definieren freiwillige Grundsätze: Kernpunkt ist, dass der Landwirt als Datenerzeuger die Kontrolle über Nutzung und Weitergabe behalten soll. Verbindlich ist dieser Kodex jedoch nicht.
Für Betriebe bedeutet das: Die entscheidenden Regelungen stehen im Vertrag. Wer hier nicht genau hinschaut, läuft Gefahr, weitreichende Nutzungsrechte an sensiblen Betriebsdaten einzuräumen, ohne es zu merken.
Typische Risiko-Szenarien bei Cloud-Lösungen
Im Gespräch mit Betrieben tauchen immer wieder ähnliche Sorgen auf. Fachlich lassen sie sich grob in vier Risikobereiche gliedern:
- Unbefugter Zugriff und Cyberangriffe: Theoretisch können Hackerangriffe Betriebsdaten auslesen oder Systeme lahmlegen. Das Risiko steigt, je stärker Stall- und Hoftechnik vernetzt sind (Stichwort: „Smart Barn“).
- Unklare Datennutzung durch Dienstleister: Dürfen Ertragsdaten anonymisiert für Marktauswertungen genutzt werden? Fließen Maschinendaten in Produktentwicklungen ein? Werden Daten mit Dritten geteilt?
- Abhängigkeit vom Anbieter („Lock-in“): Je mehr Prozesse über eine Plattform laufen, desto schwieriger wird ein späterer Wechsel – insbesondere, wenn Datenformate proprietär sind.
- Betriebsunterbrechung: Was passiert bei Serverausfällen oder fehlender Internetverbindung? Sind Kerndaten lokal gesichert? Gibt es Offline-Funktionen?
Gleichzeitig zeigen Sicherheitsanalysen, dass professionelle Rechenzentren ihrer technischen Ausstattung nach oft deutlich besser geschützt sind als ein einzelner Hofrechner ohne aktuelle Backups. Das schwächste Glied bleibt häufig der Mensch: unsichere Passwörter, fehlende Zugriffsrechte, ungeprüfte E-Mail-Anhänge.
On-Premise, Cloud, Hybrid: Was passt zum Betrieb?
Nicht jede Lösung muss vollständig in der Cloud laufen. In der Praxis haben sich drei Modelle herausgebildet:
- On-Premise: Software läuft komplett auf dem eigenen Hofserver oder PC, Daten bleiben lokal. Vorteile: volle Kontrolle, Unabhängigkeit von Internetverbindung. Nachteile: hoher Aufwand für Updates, Datensicherung und IT-Sicherheit, eingeschränkte Mobilität.
- Reine Cloud-Lösung: Alle Funktionen und Daten liegen beim Anbieter. Vorteile: automatische Updates, ortsunabhängiger Zugriff, einfacher Datenaustausch mit Beratern, Lohnunternehmern und Behörden. Nachteile: Datenhoheit und Abhängigkeit, Internet als kritischer Faktor.
- Hybridmodell: Kerndaten werden lokal gespeichert, spezifische Funktionen (z. B. Analysen, Satellitendaten, Telemetrie) laufen zusätzlich über die Cloud. Dieses Modell setzt sich in vielen Betrieben durch, weil es einen Mittelweg bietet.
Ein 300-ha-Ackerbaubetrieb in Sachsen-Anhalt fährt z. B. zweigleisig: Die rechtlich relevante Schlagdokumentation liegt auf einer lokalen Software mit regelmäßigen Backups. Für Ertragskartenauswertung und Zonenbildung nutzt der Betrieb parallel einen Cloud-Dienst. Die wichtigsten Daten werden einmal pro Jahr lokal exportiert und archiviert.
Wirtschaftlichkeit: Rechnet sich der Weg in die Cloud?
Aus betriebswirtschaftlicher Sicht lohnt sich der Blick auf drei Kostenblöcke:
- Lizenzen und Abos: Viele Hersteller haben von Einmal-Lizenzen auf jährliche Abonnements umgestellt. Pro Betrieb und Jahr können – je nach Funktionsumfang – schnell 1.000 bis 4.000 Euro für verschiedene Systeme zusammenkommen.
- Hardware und Kommunikation: Moderne Terminals, Sensoren, Router, Mobilfunkverträge für Maschinen. Diese Kosten fallen auch bei lokalen Systemen an, sind bei Cloud-Lösungen aber oft enger mit dem Dienst verknüpft.
- Arbeitszeit und Organisation: Schulung, Datenpflege und Systemumstellung kosten Zeit. Der Nutzen zeigt sich erst, wenn Prozesse wirklich angepasst werden: z. B. weniger Doppelerfassung, klar definierte Zuständigkeiten im Team, konsequente Nutzung der Auswertungen.
Studien der BLE und verschiedener Hochschulen zeigen, dass sich digital gestützte Farm-Management-Systeme vor allem bei Betrieben rechen, die:
- über 150–200 ha Ackerbau liegen oder
- größere Tierbestände (>200 GV) mit aufwendiger Dokumentation führen oder
- mit mehreren Familienmitgliedern und Mitarbeitern arbeiten und viele Abläufe koordinieren müssen.
Aber: Die reine Flächengröße ist nicht entscheidend. Entscheidend ist, ob die Daten tatsächlich genutzt werden, um Entscheidungen zu verbessern: etwa bei Düngestrategien, Sortenwahl, Investitionsplanung oder Arbeitsorganisation.
Praktische Kriterien für die Auswahl eines Cloud-Dienstes
Im Gespräch mit Beratern und Betrieben kristallisieren sich einige Prüffragen heraus, die vor Vertragsabschluss helfen können:
- Datenhoheit: Ist vertraglich klar geregelt, dass der Betrieb Eigentümer und Hauptverfügungsberechtigter seiner Daten bleibt?
- Datenexport: Können alle relevanten Daten in gängigen Formaten (z. B. ISO-XML, CSV, Shape) exportiert werden – auch nach Vertragsende?
- Serverstandort: Werden die Daten innerhalb der EU gespeichert und unterliegen damit der DSGVO?
- Zugriffsrechte: Lassen sich unterschiedliche Rechte für Mitarbeiter, Berater, Lohnunternehmer vergeben und jederzeit entziehen?
- Offline-Funktionen: Welche Funktionen sind auch ohne Internet verfügbar? Werden Daten lokal zwischengespeichert und später synchronisiert?
- Transparente Nutzungsbedingungen: Sind Zweck, Umfang und Dauer der Datennutzung eindeutig beschrieben, inklusive Regelungen zur Nutzung für Forschung oder Produktentwicklung?
- Support und Schulung: Gibt es Ansprechpartner, Einweisungen und verständliche Dokumentation – oder bleibt die Umsetzung im Betrieb an einer Person hängen?
Betriebe, die hier systematisch prüfen, berichten häufig von weniger „Überraschungen“ im laufenden Betrieb – und von einem bewussteren Umgang mit eigenen Daten.
Wie Betriebe Datensicherheit aktiv mitgestalten können
Datensicherheit ist nicht nur Aufgabe des Anbieters. Auf der Betriebsebene lassen sich mit überschaubarem Aufwand wichtige Grundlagen schaffen:
- Passwort- und Rechtekonzept: Starke, individuelle Passwörter, Zwei-Faktor-Authentifizierung, klare Vergabe von Benutzerrechten (z. B. keine Admin-Rechte für Aushilfen).
- Regelmäßige Backups: Mindestens einmal im Monat vollständige Datensicherung zentraler Programme, idealerweise automatisiert und physisch getrennt (z. B. externer Datenträger, zusätzlich Cloud-Backup eines anderen Anbieters).
- Festgelegte Ansprechpartner: Eine Person oder ein kleines Team im Betrieb, das für digitale Themen zuständig ist – inklusive Dokumentation von Passwörtern, Verträgen und Systemübersichten.
- Notfallplan: Was passiert bei längerem Internetausfall, Serverproblemen oder Cyberangriff? Welche Kerndaten werden benötigt, um weiter säen, ernten oder füttern zu können?
Solche Maßnahmen klingen nach „IT-Bürokratie“, helfen in der Praxis aber, Stresssituationen zu vermeiden – nicht nur bei Cloud-Lösungen, sondern auch bei klassischen Hofrechnern.
Praxisorientierte Leitplanken für den Einstieg oder Umstieg
Cloud-basiertes Smart Farming wird sich weiter durchsetzen. Die Frage ist weniger, ob Betriebe mitmachen, sondern wie sie die Entwicklung so gestalten, dass sie Nutzen und Risiken im Griff behalten. Orientieren können sich Landwirte unter anderem an folgenden Leitplanken:
- Klein anfangen, gezielt ausbauen: Statt den gesamten Betrieb auf einmal umzustellen, mit einem klar abgegrenzten Bereich beginnen (z. B. Schlagkartei oder Telemetrie für eine Maschinenlinie).
- Systeme aufeinander abstimmen: Bereits bei der Auswahl darauf achten, dass neue Programme Daten mit vorhandenen Systemen austauschen können.
- Datenstrategie festlegen: Welche Daten sind für den Betrieb wirklich entscheidungsrelevant? Welche davon sollen dauerhaft gespeichert, welche nur temporär genutzt werden?
- Verträge prüfen (lassen): Im Zweifel Steuerberater, Kammer, Verband oder spezialisierte Berater einbeziehen, insbesondere bei größeren Investitionen und langfristigen Bindungen.
- Betriebseinbindung sicherstellen: Mitarbeiter frühzeitig in die Nutzung von Apps und Plattformen einbeziehen, damit Daten nicht an der Praxis vorbei erfasst werden.
- Nutzen regelmäßig überprüfen: Einmal im Jahr kritisch fragen: Welche Entscheidungen haben wir aufgrund der Daten anders getroffen? Welche Kosten konnten wir senken, welche Erträge oder Leistungen verbessern?
Cloudbasiertes Smart Farming ist weder Allheilmittel noch Bedrohung per se. Es ist ein Werkzeug. Ob es Betrieben hilft, hängt weniger von der Technik als von klaren Zielen, transparenten Regeln zur Datennutzung und einem bewussten Umgang mit den eigenen Informationen ab. Wer diese Punkte im Blick behält, kann die Vorteile der Cloud nutzen – ohne die eigene Datensouveränität leichtfertig aus der Hand zu geben.
