Hitzeperioden, ausbleibende Niederschläge, Starkregen zur falschen Zeit: Der Trockenstress im Getreideanbau ist längst kein Randthema mehr. Laut Deutschem Wetterdienst haben die Jahre 2018–2023 in vielen Ackerbauregionen die niedrigsten Bodenwasservorräte seit Beginn der Messreihen gezeigt. Besonders betroffen: leichtere Standorte in Ostdeutschland, aber inzwischen auch Teile Süd- und Westdeutschlands.
Für viele Betriebe stellt sich nicht mehr die Frage, ob Trockenjahre kommen, sondern wie oft – und wie man sich darauf einstellt. Klassische Antworten wie „mehr Regen wünschen“ oder „einfach mehr düngen“ greifen nicht. Gefragt sind Strategien, die Wasser besser speichern, effizienter nutzen und Ertragsschwankungen abfedern.
Was bedeutet Trockenstress im Getreidebau konkret?
Trockenstress ist nicht nur ein optisches Problem mit eingerollten Blättern und hellen Beständen. Er wirkt sich unmittelbar auf die Ertragsbildung aus. Kritisch sind vor allem drei Phasen im Getreide:
- Bestockung: Zu wenig Wasser im Herbst oder zeitigen Frühjahr reduziert die Zahl der produktiven Triebe.
- Schossen und Ährenanlage: Wasserdefizite in dieser Phase führen zu weniger Ährchen pro Ähre und kleineren Ähren.
- Kornfüllung: Hitzestress bei gleichzeitigem Wassermangel beschleunigt die Abreife, Körner bleiben klein und schrumpfen.
Ein Beispiel: In Versuchen der Landesanstalt für Landwirtschaft in Bayern sank der Weizenertrag bei starkem Trockenstress zur Kornfüllung um bis zu 30 %, obwohl Bodenbearbeitung und N-Düngung optimal angepasst waren. Auf sandigen Böden in Brandenburg wurden in Praxisbetrieben Ertragsunterschiede von über 40 dt/ha zwischen „normalen“ und extrem trockenen Jahren gemessen.
Die ökonomische Dimension ist entsprechend deutlich: Bei einem Weizenerlös von 220–260 €/t kann bereits ein Minderertrag von 15 dt/ha mehrere hundert Euro Deckungsbeitrag pro Hektar kosten. Wer hier mit Wassermanagement auch nur 10–15 % der Ertragsverluste abfedert, erzielt schnell messbare Effekte im Betriebsergebnis.
Boden als Wasser-Speicher: Wie viel Potenzial steckt wirklich drin?
Die wichtigste „Wasserquelle“ ist nicht der Regner oder die Zisterne, sondern der Boden selbst. Entscheidend sind drei Größen:
- Wasserspeicherkapazität (nutzbare Feldkapazität, nFK)
- Durchwurzelungstiefe
- Infiltration (Aufnahmefähigkeit bei Starkregen)
Schwere Lössböden können je nach Tiefe 200–250 mm pflanzenverfügbares Wasser speichern, sandige Böden oft nur 80–140 mm. Die gute Nachricht: Durch Bewirtschaftung lässt sich die effektive Wasserspeicherung verbessern, auch wenn die Bodentextur gleich bleibt.
In Praxisbetrieben zeigen sich vor allem drei Stellschrauben:
- Humusgehalt: Ein Plus von 1 % Humus kann je nach Bodentyp 20–40 mm zusätzlich pflanzenverfügbares Wasser im Oberboden bedeuten.
- Bodenstruktur: Krümelstruktur und stabile Poren verhindern Verschlämmung und ermöglichen tiefere Durchwurzelung.
- Verdichtungsvermeidung: Verdichtete Horizonte stoppen Wurzeln und Wasser – gerade bei Trockenheit fatal.
Ein Ackerbaubetrieb in Sachsen-Anhalt mit 900 ha berichtet, dass nach fünf Jahren konsequenter Zwischenfrucht-Nutzung und reduzierter Bodenbearbeitung der pflanzenverfügbare Wassergehalt im 0–60 cm Horizont um durchschnittlich 25–30 mm höher lag als auf konventionell bearbeiteten Vergleichsschlägen im Betrieb. Das entspricht im Trockenjahr oftmals dem Unterschied zwischen 45 dt/ha und 60 dt/ha Winterweizen.
Bodenbearbeitung: Weniger wenden, mehr infiltrieren
Die Diskussion „Pflug oder pfluglos“ bekommt mit Blick auf Trockenstress neue Facetten. Es geht nicht um Ideologie, sondern um Wasser.
Pflug kann kurzfristig Vorteile bringen, etwa wenn eine verfestigte Pflugsohle aufgebrochen werden muss oder starke Unkraut- und Problemgrasbestände im Spiel sind. Allerdings geht dabei oft organische Substanz verloren, die Bodenstruktur wird stärker gestört, und die Oberfläche ist bei Starkregen verschlämmungsanfälliger.
Pfluglose Verfahren (Mulchsaat, Strip-Till, Direktsaat) bieten bei Trockenstress drei zentrale Vorteile:
- Mehr Pflanzenrückstände an der Oberfläche → Verdunstungsschutz
- Stabilere Bodenstruktur → bessere Infiltration bei Starkregen
- Lebendiger Boden (Regenwürmer, Wurzelkanäle) → tiefere Durchwurzelung
Versuche der Thünen-Institute und mehrerer Landesanstalten zeigen, dass pfluglos bewirtschaftete Flächen im Sommer häufig 2–4 % höhere Bodenfeuchten im Wurzelraum aufweisen als gepflügte Vergleichsflächen. Der Effekt ist besonders auf leichten Standorten sichtbar.
Allerdings: Pfluglos funktioniert nur mit konsequentem Management. Wo Ungräser wie Ackerfuchsschwanz dominieren oder Strohmengen nicht sauber verteilt werden, drohen Ertragsverluste und erhöhter Pflanzenschutzaufwand. Hier lohnt eine schlagbezogene Strategie: nicht „immer pfluglos“ oder „immer Pflug“, sondern an Standort, Fruchtfolge und Unkrautdruck angepasst.
Zwischenfrüchte und Fruchtfolgen: Wasser sparen, nicht verschwenden
Zwischenfrüchte gelten als Allheilmittel – sie verbessern Struktur, fördern Bodenleben, reduzieren Erosion. Aber was ist mit dem Wasser, das sie selbst verbrauchen?
Entscheidend ist der Blick auf das Gesamtjahr:
- Zwischenfrüchte erhöhen langfristig den Humusgehalt und damit die Wasserspeicherfähigkeit.
- Sie verbessern die Infiltration bei Starkregen, sodass mehr Wasser im Boden und weniger im Graben landet.
- Sie können durch tiefreichende Wurzeln Verdichtungen lockern und die Wurzelgänge für das Folgegetreide öffnen.
In sehr trockenen Lagen stellt sich dennoch die Frage: Wie intensiv darf die Begrünung sein, ohne das Wintergetreide „auszutrocknen“? Landwirtschaftliche Versuchszentren in Sachsen und Brandenburg berichten, dass spät gesäte, eher verhalten wachsende Mischungen (z.B. mit Ölrettich, Phacelia, geringer Leguminosenanteil) im Mittel günstiger abschneiden als hochwüchsige, biomasseintensive Bestände, die bis in den Spätherbst aktiv sind.
Auch die Fruchtfolge spielt eine Rolle. Tiefer wurzelnde Kulturen wie Raps oder Körnerleguminosen können den Boden in tieferen Schichten lockern und Wurzelkanäle hinterlassen. Ein nordhessischer Betrieb mit 350 ha Acker berichtet, dass nach Erbsen der Winterweizen in Trockenjahren regelmäßig stabilere Erträge zeigt als nach Winterweizen-Vorfrucht, obwohl die N-Versorgung vergleichbar ist. Der Effekt wird auf bessere Durchwurzelung und eine feinere Bodenstruktur zurückgeführt.
Sortenwahl und Anbauzeitpunkt: Genetik als Wassermanager
Trockenresistenz beginnt nicht erst auf dem Feld, sondern bei der Sortenwahl. Viele Züchter haben inzwischen Sorten mit besserer Wurzelentwicklung, höherer Trockentoleranz und effizienterer Wassernutzung im Portfolio. Die offizielle Beschreibende Sortenliste bietet hierzu erste Hinweise, auch wenn „Trockenstress“ nicht immer explizit ausgewiesen ist.
Praxisbeobachtungen zeigen:
- Mittelfrühe bis frühe Sorten können in Hitzejahren einen Vorsprung haben, weil sie die Kornfüllung vor die stärkste Hitzephase legen.
- Sorten mit guter Bestockungsfähigkeit gleichen Ausfälle besser aus, wenn es im Herbst oder zeitigen Frühjahr trocken ist.
- Gesundheit und Standfestigkeit bleiben wichtig – Trockenjahre sind keine „Pflanzenschutz-freien“ Jahre.
Auch der Aussaatzeitpunkt lässt sich anpassen. In zunehmend trockenen Herbstregionen experimentieren Betriebe mit leicht vorgezogener Aussaat, um die Feuchtigkeit nach ersten Herbstniederschlägen besser auszunutzen. Gleichzeitig erhöht zu frühe Aussaat das Risiko von Starkbefall mit Ungräsern und Krankheiten. Hier ist eine standortbezogene Feinabstimmung nötig.
Im Süden und Westen Deutschlands wird teilweise mit etwas späteren Aussaatterminen gearbeitet, um das Risiko von üppigen, lageranfälligen Beständen bei milden Wintern zu minimieren. Die Kombination aus Sortenwahl und Aussaattermin entscheidet darüber, wann das Getreide seine kritischsten Entwicklungsphasen durchläuft – ein wichtiger Hebel im Klima mit häufigeren Hitze- und Trockenperioden.
N-Düngung und Bestandsführung: Weniger Spitzen, mehr Stabilität
Wassermanagement ist nicht nur Physik, sondern auch Nährstoffmanagement. Überversorgte, extrem dichte Bestände sind in Trockenphasen besonders anfällig: Sie verbrauchen früh viel Wasser, legen viel Blattmasse an, die später nicht mehr vollständig mit Wasser versorgt werden kann.
Praktische Ansätze aus Beratung und Versuchswesen:
- Moderater Start mit N1: Nicht maximal „anfüttern“, sondern an Bodenvorrat und Witterung anpassen.
- Flexiblere N2-Gabe: Entscheidungsstützen wie N-Tester, Satellitendaten oder Sensoren helfen, den Bedarf realistischer einzuschätzen.
- Späte Gaben hinterfragen: In Regionen mit häufig trockenen Mai/Juni-Phasen kann eine starke N3-Gabe ökonomisch und ökologisch fragwürdig sein, wenn das Wasser zur Nutzung fehlt.
Ein Beratungsring in Niedersachsen berichtet, dass Betriebe, die ihre N-Gaben in Trockenjahren um 20–30 kg N/ha gegenüber dem „Normaljahr“ abgesenkt und flexibler verteilt haben, häufig identische oder nur geringfügig niedrigere Erträge erzielten, zugleich aber deutliche Einsparungen bei N-Kosten und weniger Lager verzeichneten.
Wachstumsregler und Fungizide sollten im Trockenstress ebenfalls differenziert betrachtet werden. Stark gestresste Bestände reagieren oft sensibler auf zusätzliche Belastungen. Eine angepasste, risikoorientierte Strategie – basierend auf Sortenanfälligkeit, Vorfrucht und Witterung – wird wichtiger als starre Standardprogramme.
Technik und Bewässerung: Wo lohnen sich Investitionen wirklich?
Bewässerung im Getreidebau bleibt in vielen Regionen eine Ausnahme, nicht zuletzt wegen Genehmigungslage, Wasserverfügbarkeit und Kosten. Dennoch nimmt das Interesse zu, insbesondere auf leichten Standorten mit hoher Ertragserwartung.
Schlagspezifische Kalkulationen aus der Beratung zeigen: Damit Bewässerung im Winterweizen wirtschaftlich wird, müssen meist Zusatz-Erträge von 15–30 dt/ha erzielt werden, abhängig von Wasserpreis, Energie- und Arbeitskosten. Das gelingt nicht in jedem Jahr und nicht auf jedem Standort.
Alternative technische Maßnahmen zum Wassermanagement sind häufig günstiger und breiter wirksam:
- Reifendruckregelanlagen zur Reduktion von Verdichtungen und Verbesserung der Infiltration.
- Exakte Strohverteilung und bessere Restpflanzenverteilung zur Vermeidung von „trockenen Inseln“ und ungleichmäßigen Aufläufen.
- Präzisionslandtechnik (Section Control, teilflächenspezifische Düngung) zur Anpassung der Input-Mengen an das Ertragspotenzial und die Wasserverfügbarkeit der Teilflächen.
Ein Betrieb in Thüringen mit 650 ha Ackerland berichtet, dass allein die Investition in eine Reifendruckregelanlage und eine optimierte Strohverteilung am Mähdrescher spürbar bessere Infiltration und weniger Oberflächenabfluss bei Starkregen brachte. Messungen zeigten auf den betroffenen Schlägen im Folgejahr im Frühjahr 10–15 mm höhere pflanzenverfügbare Wasserreserven im Oberboden, ohne dass sich an Fruchtfolge oder Düngung etwas geändert hatte.
Förderprogramme und Agrarpolitik: Spielräume nutzen
Viele Maßnahmen zum Wassermanagement – Zwischenfrüchte, reduzierte Bodenbearbeitung, humusmehrende Verfahren – werden inzwischen über Öko-Regelungen (Eco-Schemes) oder Agrarumweltmaßnahmen gefördert. Für Betriebe lohnt sich ein genauer Blick in die jeweiligen Landesprogramme.
Typische förderfähige Maßnahmen sind:
- Vielfältige Fruchtfolgen mit geringem Mais- oder Rapsanteil
- Verpflichtende Zwischenfruchtanbauprogramme
- Reduzierte Bodenbearbeitung / konservierende Bodenbearbeitung
- Erosionsschutzmaßnahmen auf gefährdeten Flächen
Die Förderkulisse ändert sich regelmäßig. Betriebe, die ihre wasserschonenden Maßnahmen mit Förderprogrammen kombinieren, können einen Teil der Umstellungskosten abfedern. Gleichzeitig steigen die Dokumentationspflichten: Flächennachweise, Maßnahmenbeschreibungen, ggf. Bodenuntersuchungen. Wer hier sauber arbeitet, schafft sich aber auch eine bessere Datenbasis für das eigene Betriebscontrolling.
Welche Strategien haben sich in der Praxis bewährt?
Aus Gesprächen mit Ackerbaubetrieben, Beratern und Versuchsanstellern lassen sich einige wiederkehrende Muster erkennen. Betriebe, die mit Trockenstress im Getreideanbau besser zurechtkommen, setzen selten auf „die eine große Lösung“, sondern auf ein Bündel von Maßnahmen, das zum Standort passt.
Typisch sind Kombinationen wie:
- Leichtere Standorte:
Zwischenfrüchte mit eher moderatem Wuchs, weitgehend pfluglose Bodenbearbeitung, frühzeitiges Erkennen von Verdichtungen (Spatenprobe), präzisere N-Düngung, ggf. punktuelle Beregnung in besonders trockenen Jahren. - Schwere Lössstandorte:
Mehr Fokus auf stabile Krümelstruktur, Erosionsschutz, vielfältige Fruchtfolgen mit Leguminosen, schlagbezogene Sortenwahl (Trockenverträglichkeit, Reifezeit), gezielte Anpassung der Aussaattermine. - Gemischtbetriebe mit Tierhaltung:
Intensive Nutzung von Wirtschaftsdüngern und organischen Reststoffen zum Humusaufbau, grasbetonte Fruchtfolgen, Kombination von Futter- und Marktfrüchten, um trockene Jahre besser abzufedern.
Eine zentrale Gemeinsamkeit: Alle diese Strategien brauchen Zeit. Humusaufbau, Strukturverbesserung und Sortenumstellung zeigen ihre Wirkung nicht nach einem Vegetationsjahr, sondern oft erst nach drei bis fünf Jahren. Wer heute beginnt, arbeitet also vor allem an der Resilienz der nächsten Dekade.
Praktische Ansatzpunkte für die nächsten Jahre
Was lässt sich konkret auf dem Betrieb anpacken, ohne gleich alles auf den Kopf zu stellen? Aus der Praxis lassen sich einige pragmatische Schritte ableiten:
- Bodenzustand konsequent prüfen: Regelmäßig Spatenprobe, Infiltration einfach testen (z.B. mit Regen-/Wassersimulation auf kleiner Fläche), Verdichtungen lokalisieren.
- Schlagbezogene Wasserspeicherkarte erstellen: Bodenarten, nFK, Hanglage, Erosionsgefährdung dokumentieren – Grundlage für differenzierte Maßnahmen.
- Zwischenfrüchte gezielt auswählen: Mischungen und Saatzeitpunkte an Standort und Fruchtfolge anpassen, Biomasse und Wasserverbrauch im Blick behalten.
- Bodenbearbeitung überdenken: Wo möglich, Schritt für Schritt Richtung konservierende Bodenbearbeitung gehen, aber Problemflächen (Ungräser, massive Verdichtung) gezielt ausnehmen.
- Sortenportfolio diversifizieren: Im Weizen nicht nur auf Ertragsmaximum setzen, sondern auch auf Sorten mit nachweisbar stabilen Leistungen in Trockenjahren.
- N-Düngung flexibilisieren: Sensoren, N-Tester oder Beratungsangebote nutzen, um Gaben an Witterung und Bestandsentwicklung anzupassen.
- Technikfokus auf Bodenschonung: Reifendrucksysteme prüfen, Achslasten reduzieren, Fahrgassenkonzepte überdenken.
- Förderangebote prüfen: Welche bestehenden Maßnahmen im Betrieb können über Eco-Schemes und Landesprogramme unterstützt werden?
Trockenstress im Getreidebau wird bleiben. Doch wie stark er sich auf Erträge und Betriebsergebnisse auswirkt, hängt immer weniger nur vom Wetter und immer mehr von der eigenen Strategie ab. Wassermanagement bedeutet dabei nicht nur „mehr Wasser beschaffen“, sondern vor allem: das vorhandene Wasser im Boden halten, effizient nutzen und die Anfälligkeit der Bestände reduzieren. Wer heute damit beginnt, verschafft seinem Betrieb einen Vorsprung – in trockenen wie in durchschnittlichen Jahren.
