Landwirtschaft News

Weidehaltung neu gedacht: kombination aus grasland und agroforst

Weidehaltung neu gedacht: kombination aus grasland und agroforst

Weidehaltung neu gedacht: kombination aus grasland und agroforst

Hitzeperioden, Dürre, hohe Futterkosten und steigender Druck beim Tierwohl: Für viele Weidebetriebe wird die Luft dünner. Gleichzeitig wächst das Interesse an Agroforstsystemen. Was liegt näher, als beide Ansätze zu verbinden – also Weidehaltung auf Grasland mit gezielt integrierten Bäumen und Sträuchern?

Genau das tun inzwischen mehr Betriebe in Deutschland und Europa. Unter Namen wie „silvopastorale Systeme“, „Weide-Agroforst“ oder einfach „Bäume auf der Weide“ wird Grasland neu gedacht. Spannend ist weniger die Romantik der „Kuh unter der Eiche“, sondern die Frage: Lässt sich damit unter heutigen Rahmenbedingungen Geld verdienen – und Risiken im Betrieb senken?

Warum Weide plus Bäume wieder aktuell ist

Der erste Treiber ist das Klima. Viele Regionen verzeichnen längere Trockenphasen und mehr Hitzetage. Reines Offenland gerät dabei schnell an seine Grenzen. Beschattete Bereiche können die Hitzebelastung für Rinder, Schafe oder Ziegen deutlich mindern. Gleichzeitig schützen Bäume den Boden vor Austrocknung.

Zweiter Treiber sind die politischen Ziele: Klimaschutz, Biodiversität, Erosionsschutz. Systeme, die mehrere Leistungen gleichzeitig erbringen, geraten stärker in den Fokus von Förderpolitik und Forschung. Agroforst auf Grünland passt genau in dieses Raster, weil auf derselben Fläche Futter, Holz, Kohlenstoffspeicherung und Lebensraum für Arten entstehen.

Drittens spielt das Image der Tierhaltung eine Rolle. Weidehaltung mit Baumstreifen wirkt bei Verbrauchern sichtbar „naturnäher“. Für Direktvermarkter und Milchbetriebe mit Besuchergruppen ist das kein Nebenaspekt. Die Kombination aus funktionale Verbesserung für den Betrieb und besserer Außenwirkung macht das Thema attraktiv.

Politischer Rahmen: Von der Sonderkultur zum förderfähigen System

Viele Landwirte verbinden Bäume auf dem Acker oder der Weide noch mit dem Problem: „Dann ist die Fläche weg aus der Förderkulisse.“ Genau das ändert sich Schritt für Schritt.

Mit der aktuellen Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) der EU wurden Agroforstsysteme erstmals klarer als landwirtschaftliche Nutzung anerkannt. In Deutschland können solche Flächen – abhängig von Ausgestaltung und Anzahl der Bäume – weiter als Dauergrünland gelten und für Direktzahlungen förderfähig bleiben.

Dazu kommen im Rahmen der sogenannten Öko-Regelungen und Agrarumweltprogramme einzelner Bundesländer zusätzliche Anreize, etwa:

Die Details unterscheiden sich je nach Bundesland und Förderperiode. Wer investieren will, sollte daher frühzeitig mit Beratung, Landwirtschaftsamt oder Kammer klären, wie die geplante Gestaltung förderrechtlich eingeordnet wird – insbesondere bei Baumabständen, Baumzahl pro Hektar und Nutzungsart.

Wie funktioniert Weide-Agroforst in der Praxis?

Unter dem Begriff Weide-Agroforst fallen verschiedene Systeme. Gemeinsam ist: Gehölze werden gezielt in die Weide integriert und sind geplant, nicht zufällig gewachsen.

Typische Varianten sind:

Wichtig für den Alltag sind klare Antworten auf drei Fragen: Welche Baumarten? Welche Abstände? Wie wird geschützt und gepflegt?

Baumartenwahl

In der Praxis werden gern robuste, standortangepasste Arten gewählt, etwa:

Giftige Arten (z.B. Eibe, bestimmte Ziergehölze) sind im Weidebereich tabu. Bei Ahorn ist auf Art und regionale Empfehlung zu achten, Stichwort Atypische Weidemyopathie bei Pferden.

Abstände und Anordnung

Für die Praxis bewähren sich Baumreihenabstände von 20 bis 35 Metern, je nach Technik und Tierart. So bleibt genügend Platz für Futterwerbung und Übersaat, während die Tiere die Baumreihen als Leitstruktur und Schattenbänder nutzen.

Ein Beispiel aus der Beratung: Auf einer 10-ha-Weide wurden im Abstand von rund 30 Metern drei Baumreihen mit je 40 Bäumen angelegt. Die Fläche bleibt mit dem Mähwerk befahrbar, die Tiere haben an heißen Tagen immer einen beschatteten Bereich im Rotationssystem.

Schutz und Pflege

Ohne wirksamen Verbissschutz sind Neupflanzungen auf der Weide meist schnell Geschichte. In Frage kommen:

Die ersten fünf bis sieben Jahre entscheidet die Pflege über Erfolg oder Misserfolg: regelmäßige Kontrolle, Nachschnitt, Wasserversorgung auf trockenen Standorten und Nachpflanzungen, falls einzelne Bäume ausfallen.

Praxisbeispiele: Was Betriebe berichten

Milchviehbetrieb im Mittelgebirge

Ein familiengeführter Milchviehbetrieb mit rund 80 Kühen in einer Mittelgebirgsregion hat vor einigen Jahren auf zwei Koppeln je etwa 70 Bäume in Reihen integriert. Genutzt werden Eiche, Linde und Kirsche. Motiv war weniger der Holzverkauf als die Reduzierung der Hitzestressprobleme im Sommer.

Die Betriebsleiter berichten, dass die Kühe an heißen Tagen deutlich länger fressen und weniger hecheln, wenn sie abwechselnd zwischen sonnigen und schattigen Bereichen wechseln können. Gleichzeitig werden die bislang windoffenen Hänge teilweise abgeschirmt. Futtererträge blieben laut betriebseigenen Aufzeichnungen weitgehend stabil, trotz zunehmender Sommertrockenheit in den letzten Jahren.

Mutterkuhhaltung in einem Trockengebiet

Ein anderer Betrieb in einer trockenheitsgefährdeten Region hat gezielt Baumgruppen („Inseln“) angelegt, in Kombination mit Tränken. Dort sammeln sich die Tiere zu den heißesten Tageszeiten. Die Grasnarbe rund um diese Inseln wird intensiver beansprucht, dafür bleiben andere Bereiche länger ungestört. Der Betriebsleiter beschreibt es so: „Wir bündeln den Druck, statt die ganze Fläche zu strapazieren.“

Interessant ist hier die Futterbilanz: Die Aufwüchse in Vollsonne waren zwar stellenweise niedriger, in den halbschattigen Bereichen blieb der Aufwuchs jedoch selbst in trockenen Jahren länger grün. Summiert über die gesamte Fläche ergab sich nach Schätzung des Betriebs, gestützt auf mehrere Jahre Ertragsaufzeichnungen, ein eher ausgeglichener Futterertrag mit weniger Schwankungen zwischen den Jahren.

Schafbetrieb mit Direktvermarktung

Ein Schafbetrieb im Nebenerwerb nutzt Weide-Agroforst vor allem aus vermarktungsstrategischen Gründen. Entlang eines viel genutzten Radwegs wurden Heckenstreifen, einzelne Obstbäume und Sitzbänke angelegt. Die Tiere haben Schatten und Windschutz, die Besucher sprechen gezielt auf das „Park-Weide“-Bild an. Das hilft dem Betrieb bei der Vermarktung von Lammfleisch und Wolle. Ökonomisch entscheidend sind hier weniger Mehrerträge auf der Fläche als der Imageeffekt.

Ökonomische Aspekte: Kosten, Erträge, Arbeitszeit

Die zentrale Frage aus Sicht vieler Betriebe lautet: Rechnet sich das?

Investitionskosten

Für Pflanzgut, Pfähle, Schutzvorrichtungen und Pflanzarbeiten sind – je nach System – einige hundert bis einige tausend Euro pro Hektar zu kalkulieren. Förderprogramme können einen erheblichen Teil abfedern, sind aber meist an bestimmte Auflagen gebunden (Mindestpflanzzahl, Artenlisten, Pflegeauflagen).

Wer ohne Förderung pflanzt, weil er flexibler sein will, sollte den Zeithorizont realistisch einschätzen: Bäume sind eine Investition über Jahrzehnte. Kurzfristige Effekte sind vor allem bei Schatten, Windschutz und Futterverfügbarkeit in trockenen Jahren zu erwarten. Holz- oder Obstnutzung kommt deutlich später.

Flächeneffizienz

Eine oft geäußerte Sorge: „Mir geht Futterfläche verloren.“ In der Praxis ist diese Rechnung nicht so eindeutig. Baumstreifen nehmen zwar einen Teil der Futterfläche ein. Gleichzeitig können:

Langfristig kommt die Option hinzu, Holzerlöse oder in Spezialfällen Obst/Nüsse zu generieren. Ob das eine relevante Rolle spielt, hängt stark von Betriebszweig, Marktanbindung und Arbeitsorganisation ab.

Arbeitsaufwand

Die Anlagephase ist arbeitsintensiv: Planung, Pflanzung, Zaunbau, Pflege. In den Folgejahren sinkt der Aufwand deutlich, bleibt aber höher als auf einer „nackten“ Weide. Zusätzlicher Kontrollaufwand (Zaun und Baumgesundheit) sollte einkalkuliert werden, ebenso gelegentliche Schnittarbeiten.

Demgegenüber können Einsparungen stehen, etwa:

Tierwohl, Klima, Biodiversität: Was bisher bekannt ist

Forschungsarbeiten aus verschiedenen Ländern zeigen übereinstimmend: Schatten- und Windschutzstrukturen haben positive Effekte auf Tierwohl und Umweltleistungen. Für Weide-Agroforst bedeutet das konkret:

Tierwohl

Rinder und Schafe nutzen Schatten aktiv, wenn er verfügbar ist. Messungen an Weidetieren mit und ohne Zugriff auf Bäume zeigen geringere Atemfrequenzen und niedrigere Körpertemperaturen bei beschatteten Tieren in Hitzephasen. Das wirkt sich auf Fressverhalten, Tageszunahmen und Milchleistung aus.

Zusätzlich können Windschutzstrukturen an kalten, feuchten Tagen die Auskühlung reduzieren, was vor allem bei Jungtieren wichtig ist.

Klima und Boden

Bäume binden Kohlenstoff in Holz und Wurzeln. Gleichzeitig tragen sie über Laubfall und Wurzelumsatz zur Humusbildung im Boden bei. Besonders interessant ist die tiefere Erschließung von Wasser- und Nährstoffvorräten: Bäume greifen in Bodenschichten, die reine Grasnarbe oft nicht erreicht. So kann ein Teil der Nährstoffe im System gehalten bleiben.

Auf erosionsgefährdeten Standorten – etwa Hanglagen mit Starkregenrisiko – reduzieren Baumstreifen Abflussgeschwindigkeiten und stabilisieren den Boden. Das kann mittelfristig auch den Nährstoffverlust senken.

Biodiversität

Mit Bäumen und Sträuchern entstehen zusätzliche Lebensräume auf der Weide: Brutplätze für Vögel, Nektarquellen für Insekten, Rückzugsräume für Kleinsäuger. Strukturelemente auf Grünlandflächen gelten in vielen Monitoringprogrammen als wichtiger Hebel für Artenvielfalt – vor allem dort, wo Umgebung und Flurstücke sonst sehr einheitlich ausfallen.

Für Betriebe kann das indirekt relevant werden, wenn Biodiversitätskriterien künftig stärker in Förderprogramme oder Marktanforderungen einfließen.

Worauf Betriebe bei der Planung achten sollten

Weide-Agroforst ist kein Standardbaustein wie ein neuer Zaunpfahl, sondern eine langfristige Strukturentscheidung. Einige Punkte tauchen in der Praxisberatung immer wieder auf:

Weide-Agroforst: Vom Nischenprojekt zur betrieblichen Strategie?

Weidehaltung in Kombination mit Agroforst ist kein Allheilmittel – aber ein ernstzunehmender Baustein, um Grünlandbetriebe robuster gegenüber Wetterextremen und gesellschaftlichen Erwartungen zu machen. Die Erfahrungen aus Praxisbetrieben und Versuchen zeigen:

Ob sich ein solches System für den einzelnen Betrieb rechnet, hängt stark von Standort, Tierart, Marktstrategie und Förderumfeld ab. Wer den Schritt gehen will, sollte klein anfangen – zum Beispiel mit einer Teilfläche oder einzelnen Baumstreifen – und die Entwicklung über mehrere Jahre dokumentieren: Futtererträge, Tierverhalten, Arbeitsaufwand.

So wird aus der Idee „Kühe unter Bäumen“ eine belastbare Datengrundlage für betriebliche Entscheidungen. Und genau dort entscheidet sich, ob die Kombination aus Grasland und Agroforst von der Nische in den Alltag der Weidebetriebe rückt.

Quitter la version mobile