Zwischenfrüchte als Ertragsmotor: Warum vielfältige Fruchtfolgen sich jetzt bezahlt machen
Zwischenfrüchte galten lange vor allem als „Greening-Pflicht“ oder als lästige Zusatzarbeit nach der Ernte. Inzwischen zeigt sich: Richtig geplant und in vielfältige Fruchtfolgen eingebunden, können sie den Ertrag der Hauptkulturen stabilisieren – und in vielen Betrieben sogar deutlich steigern. Gleichzeitig sinken Erosionsrisiken, Nährstoffverluste und Pflanzenschutzaufwand.
Der Druck auf die Ackerbau-Betriebe nimmt zu: strengere Düngeauflagen, steigende Betriebsmittelkosten, Wetterextreme und neue Anforderungen in der GAP. Vor diesem Hintergrund lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Frage: Wann lohnt sich der zusätzliche Aufwand für Zwischenfrüchte wirklich – und wo sind die Grenzen?
Im Folgenden werden zentrale Effekte, praktische Beispiele aus Betrieben und konkrete Ansatzpunkte für die Fruchtfolgegestaltung vorgestellt. Im Mittelpunkt steht immer die Frage: Was bringt es unterm Strich auf Hektar- und Betriebsebene?
Was leisten Zwischenfrüchte agronomisch – und in Euro pro Hektar?
Zwischenfrüchte sind Kulturen, die die Lücke zwischen zwei Hauptfrüchten schließen. Sie werden in der Regel nach der Ernte im Spätsommer gesät und vor der nächsten Hauptkultur gemulcht, eingearbeitet oder direkt in die lebende oder abfrostende Decke gesät.
Die wichtigsten agronomischen Effekte:
- Bodenschutz: Bedeckter Boden ist weniger anfällig für Erosion durch Wind und Wasser, die Infiltration verbessert sich, Verschlämmung nimmt ab.
- Humusaufbau: Wurzel- und Aufwuchs-Biomasse erhöhen den organischen Kohlenstoff im Boden. Das verbessert Struktur, Wasserhaltevermögen und Tragfähigkeit.
- Nährstoffmanagement: Zwischenfrüchte „fangen“ Reststickstoff, Phosphor und Schwefel und machen sie für die Folgekultur verfügbar, statt sie ins Grundwasser oder in tiefe Bodenschichten entweichen zu lassen.
- Unkrautunterdrückung: Dichte Bestände reduzieren Problemunkräuter, teilweise auch Ungräser – wichtig vor allem in Systemen mit geringerer Herbizidintensität.
- Krankheits- und Schädlingsregulierung: Durchbrochene Wirtspflanzenfolgen können Krankheitszyklen und Schädlingspopulationen abschwächen.
Mehrere Auswertungen aus Praxisbetrieben zeigen: Wo Zwischenfrüchte konsequent eingesetzt werden, liegen die Getreideerträge in der Folge häufig um 3–8 % höher, in Einzelfällen deutlich darüber. Gleichzeitig lassen sich mineralische N-Gaben oft um 20–40 kg N/ha reduzieren, ohne dass Ertrag verloren geht – vorausgesetzt, Zwischenfruchtart, Saattermin und Bodenbearbeitung passen.
Entscheidend ist jedoch die Gesamtrechnung: Saatgutkosten, zusätzliche Arbeitsgänge und Technikaufwand müssen gegen Einsparungen bei Dünger, Pflanzenschutz und Bodenbearbeitung sowie gegen höhere Erträge gerechnet werden. Viele Betriebe berichten von Mehrerträgen in der Fruchtfolge von 80–150 €/ha, wenn die Zwischenfrucht in ein schlüssiges System integriert ist.
Von der Monofrucht zur vielfältigen Fruchtfolge
Zwischenfrüchte entfalten ihr Potenzial nur im Kontext einer vielfältigen Fruchtfolge. Wer im Prinzip ein Raps–Weizen–Weizen-System fährt und gelegentlich eine Senf-Zwischenfrucht streut, wird weniger profitieren als Betriebe, die ihre Abfolge strategisch anpassen.
Wichtige Stellschrauben:
- Wirtspflanzen unterbrechen: Zwischenfruchtarten sollten nicht mit der Hauptkultur verwandt sein, um Krankheits- und Schädlingsdruck nicht zu fördern (z.B. kein Ölrettich vor Raps).
- Funktion statt Einzelart: Mischungen kombinieren: Tiefwurzler (Rettich), Feinstwurzelbildner (Gräser), Leguminosen (Erbsen, Alexandrinerklee) und Blühkomponenten.
- Früh räumende Kulturen nutzen: Wintergerste, frühreifer Weizen oder Feldfutter schaffen Platz für ertragreiche Zwischenfrüchte vor spätsaatigem Mais oder Sommerungen.
- Saattermin und Wasserhaushalt: In trockenen Regionen nicht jede Lücke mit Biomasse „vollstopfen“, sondern Fruchtfolge so legen, dass Wasserbilanz und Ertrag zusammenpassen.
In der Praxis zeigt sich: Je größer die Anzahl der Kulturarten in der Fruchtfolge (inklusive Zwischenfrüchte), desto stabiler sind die Erträge über Jahre mit Witterungsextremen hinweg. Diese Stabilität ist oft wichtiger als der maximale Einzelertrag in einem „Idealjahr“.
Zwischenfrucht-Mischungen gezielt zusammenstellen
Standardmischungen aus dem Katalog sind bequem, aber nicht immer optimal. Betriebe, die sich intensiver mit Zwischenfrüchten beschäftigen, stellen zunehmend betriebsspezifische Mischungen zusammen – abgestimmt auf Boden, Hauptfrucht, Wasserverfügbarkeit und Technik.
Wesentliche Funktionsgruppen in Mischungen:
- Leguminosen (z.B. Alexandrinerklee, Winterwicke, Sommererbse, Inkarnatklee): Binden Luftstickstoff, liefern N für die Folgekultur, verbessern Futterqualität bei Nutzung.
- Kreuzblütler (z.B. Ölrettich, Senf, Raps als Zwischenfrucht): Starke Durchwurzelung, gute Unkrautunterdrückung, aber Krankheits- und Schädlingsrisiko in Rapsfruchtfolgen beachten.
- Gräser (z.B. Westerwoldisches Raygras, Einjähriges Weidelgras, Sudangras): Hohe Massenleistung, starke Durchwurzelung, gute Bodendeckung, teilweise hohe Wasseraufnahme.
- Blühpflanzen (z.B. Phacelia, Buchweizen, Sonnenblume): Förderung von Nützlingen, Bienenweide, lockern Boden, häufig gute Optik für Verbraucherkommunikation.
Auf sandig-trockenen Standorten kann eine Mischung mit hohem Leguminosenanteil und moderaten Biomassebildnern sinnvoll sein, um Wasser zu sparen. Auf Löss- und schweren Böden liegt der Fokus oft stärker auf Bodenstruktur und Nährstofffixierung. In intensiven Mais- oder Zuckerrübenregionen sind N-Fänger und Erosionsschutz zentral.
Erfahrung aus der Praxis: Betriebe, die ihre Mischung konsequent auf die Folgefrucht ausrichten, berichten von stabileren Beständen und weniger Auswinterungsschäden, insbesondere in Winterweizen nach Zwischenfrucht.
Praxisbeispiel 1: Winterweizen nach Leguminosen-Zwischenfrucht
Ein Ackerbaubetrieb in Niedersachsen (ca. 280 ha, Lehm- und Lössböden) hat vor fünf Jahren begonnen, vor Winterweizen systematisch eine leguminosenbetonte Zwischenfrucht zu etablieren: Mischung aus Sommererbse, Alexandrinerklee, Phacelia und etwas Ölrettich (max. 10 %). Gesät wird unmittelbar nach der Gerstenernte mit der Scheibenegge und angehängter Sätechnik.
Die Ergebnisse über mehrere Jahre:
- Weizenertrag im Mittel rund 4–6 dt/ha höher als auf Flächen ohne Zwischenfrucht.
- Mineralische N-Gabe im Frühjahr um 20–30 kg N/ha reduziert, ohne Ertragseinbußen.
- Verbesserte Befahrbarkeit im Herbst, geringere Schlammansammlungen in nassen Jahren.
- Deutlich geringerer Erosionsschaden auf Hanglagen, auch bei Starkregenereignissen.
Der Betriebsleiter weist allerdings darauf hin, dass der Erfolg stark von einem sehr frühen Saattermin abhängt: Späte Saaten nach spätreifem Weizen oder Mais liefern auf diesen Böden deutlich weniger Effekte. Außerdem musste die Mischung so angepasst werden, dass sie in trockenen Spätsommern nicht zu viel Wasser verbraucht.
Praxisbeispiel 2: Mais und Sommerungen im Verbund mit Zwischenfrüchten
Auf einem süddeutschen Gemischtbetrieb (Milchvieh, 160 ha LF, davon 100 ha Acker) liegt der Fokus auf Mais und Sommergetreide. Zwischenfrüchte dienen hier doppelt: als Futterreserve und als Bodenschutz vor Mais auf erosionsgefährdeten Flächen.
Konzept des Betriebs:
- Nach Winterroggen: Aussaat einer futterfähigen Zwischenfruchtmischung (u.a. Welsches Weidelgras, Rotklee, Alexandrinerklee), Nutzung als Silage im Oktober.
- Anschließend Direktsaat von Silomais in den Zwischenfruchtstoppel oder schwach bearbeiteten Boden.
- Auf stark geneigten Flächen: abfrostende Zwischenfrucht vor Mais (u.a. Phacelia, Senf, Erbse), um Erosion im Winter zu verhindern.
Laut Betriebsleiter ist die zusätzliche Futtermenge ein wichtiges Argument: In trockenen Jahren kann er auf Zwischenfruchtsilage zurückgreifen und Zukaufsfutter reduzieren. Der Maisertrag bleibt trotz etwas späterer Aussaat stabil, teilweise sogar höher, weil die Böden lockerer und besser befahrbar sind. Der Arbeitszeitaufwand steigt zwar, wird aber durch die höhere Futterautarkie und weniger Erosionsschäden kompensiert.
Saatzeit, Technik und Bodenbearbeitung: die Stellschrauben für den Erfolg
Zwischenfrüchte bringen nur dann einen Mehrwert, wenn sie rechtzeitig und mit ausreichender Bestandsdichte etabliert werden. Verzögerungen von wenigen Tagen können – je nach Witterung – bereits 20–30 % Biomasse kosten.
Wesentliche Punkte in der Praxis:
- Frühe Aussaat: Direkt im Anschluss an die Ernte – im Idealfall mit einem Arbeitsgang (z.B. Kurzscheibenegge mit Saattechnik). Wo möglich, auf Strohmanagement achten (z.B. Strohverteilung, ggf. Häckselqualität).
- Saatbett: Für Mischungen genügt meist ein flaches, gut abgesetztes Saatbett. Zu tiefe Bearbeitung kostet Wasser und Zeit.
- Aussaatverfahren: Breitsaat oder Drillsaat sind möglich. Für feinkörnige Arten ist eine flache Ablage (1–2 cm) entscheidend.
- Wasserhaushalt: Auf trockenen Standorten ist Zurückhaltung bei sehr stark wasserziehenden Arten angesagt. In extrem trockenen Jahren kann es sinnvoll sein, Flächen ohne Zwischenfrucht zu lassen, um Wasser für die Folgekultur zu sparen.
- Umgang mit der Zwischenfrucht im Frühjahr: Mulchen, Walzen, flache oder tiefe Einarbeitung oder Direktsaat in den Bestand – die Wahl hängt von Mischung, Bodentyp, Technik und Folgekultur ab.
In Systemen mit reduzierter Bodenbearbeitung (Strip-Till, Direktsaat) gewinnen Zwischenfrüchte zusätzlich an Bedeutung. Sie ersetzen teilweise die „bodenlockernde“ Wirkung des Pfluges durch biologische Durchwurzelung. Allerdings steigen hier die Anforderungen an die Bestandsführung und das Management von Pflanzenresten.
Rechtlicher Rahmen und Fördermöglichkeiten im Blick behalten
Zwischenfrüchte sind inzwischen auch ein zentrales Element agrarpolitischer Maßnahmen: von der Konditionalität bis hin zu Eco-Schemes und Länderprogrammen. Wer sie systematisch einsetzen will, sollte die Vorgaben genau kennen, um Doppelarbeit und Konflikte zu vermeiden.
Typische Punkte, die in der Praxis beachtet werden müssen:
- Aussaat- und Umbruchtermine: Viele Programme knüpfen Förderfähigkeit an feste Zeiträume (z.B. Saat bis zu einem bestimmten Datum, Verbleib der Begrünung bis zum Frühjahrsstichtag).
- Artenlisten: Häufig sind nur bestimmte Arten und Mischungszusammensetzungen förderfähig. Marktübliche Mischungen können angepasst werden müssen.
- Bodenbedeckung: Mindestbedeckungsgrade in erosionsgefährdeten Gebieten oder Wasserschutzgebieten sind zu beachten.
- Düngeregeln: Stickstoffdüngung auf Zwischenfrüchte ist vielfach stark eingeschränkt oder untersagt. Das beeinflusst Artenwahl und Nutzung (Futterproduktion vs. reine Begrünung).
Für Betriebe lohnt sich oft eine gezielte Abstimmung mit der Beratung, um Zwischenfruchtsysteme so zu planen, dass betriebliche Ziele, agronomische Effekte und Förderbedingungen übereinstimmen. Zwischenfrüchte nur als Förderinstrument zu sehen, greift allerdings zu kurz: Die meisten positiven Effekte entstehen bei langfristig angelegten Systemen, die auch unabhängig von Prämien Sinn ergeben.
Typische Fehler und wie man sie vermeidet
In vielen Betrieben gibt es bereits Erfahrungen mit Zwischenfrüchten – nicht alle waren positiv. Wiederkehrende Probleme sind oft auf ähnliche Ursachen zurückzuführen:
- Zu späte Aussaat: Der Klassiker. Zwischenfrüchte kommen nicht richtig in Gang, bleiben lückig und bringen weder Ertragseffekt noch Bodenschutz.
- Falsche Artenwahl: Z.B. Kreuzblütler in rapsintensiven Fruchtfolgen oder wasserintensive Arten auf Trockenstandorten.
- Zu komplexe Mischungen ohne klares Ziel: Viele Arten bedeuten nicht automatisch viele Vorteile. Entscheidend ist die Funktion – nicht die Anzahl.
- Mangelnde Abstimmung mit der Folgekultur: Zwischenfrüchte, die im Frühjahr schwer zu beherrschen sind, können die Saat der Hauptkultur verzögern oder verunkrauten.
- Unzureichendes Stroh- und Ernterückstandsmanagement: Schlechte Strohverteilung oder hohe Strohmengen ohne Zerkleinerung behindern den Feldaufgang.
Wo Betriebe diese Punkte systematisch angehen – etwa durch Versuchsstreifen, genaue Dokumentation und Anpassung der Mischungen – verbessern sich die Ergebnisse meist deutlich innerhalb von zwei bis drei Jahren.
Was bedeutet das für die Praxis? Zentrale Ansatzpunkte für Betriebe
Zwischenfrüchte sind kein Allheilmittel, aber ein wirksames Werkzeug im Baukasten der Fruchtfolgegestaltung. Damit sie zu mehr Ertrag und Stabilität beitragen, sind einige strategische Schritte entscheidend.
Wichtige Praxisempfehlungen im Überblick:
- Ziele klar definieren: Geht es primär um Ertragssteigerung, Erosionsschutz, N-Fixierung, Futterproduktion oder um mehrere Ziele gleichzeitig? Davon hängt die Mischungsauswahl ab.
- Mit begrenzter Fläche starten: Statt den gesamten Betrieb umzustellen, besser mit 10–20 % der Fläche beginnen, Erfahrungen sammeln und dann ausweiten.
- Mischungen auf Standort und Fruchtfolge zuschneiden: Betriebsindividuelle Anpassung bringt meist mehr als Standardmischungen „von der Stange“.
- Saattermin priorisieren: Ernteeinsatz und Strohmanagement so organisieren, dass Zwischenfrüchte früh in den Boden kommen. Ggf. Erntelogistik oder Mähdruschtermine anpassen.
- Betriebszweigübergreifend denken: Tierhaltende Betriebe können Zwischenfrüchte als Futter nutzen und so den wirtschaftlichen Nutzen deutlich erhöhen.
- Wasserhaushalt im Blick behalten: In Regionen mit häufiger Sommertrockenheit Zwischenfruchtsysteme so planen, dass die Folgekulturen nicht „auf dem Trockenen“ stehen.
- Regelmäßig überprüfen und anpassen: Ertrag, N-Gaben, Bodenstruktur und Arbeitszeit erfassen und Auswertung in die nächste Mischungs- und Fruchtfolgeplanung einfließen lassen.
Am Ende entscheidet die betriebliche Gesamtstrategie, ob Zwischenfrüchte zum Ertragsmotor werden oder als zusätzlicher Aufwand erlebt werden. Dort, wo sie konsequent in eine vielfältige Fruchtfolge integriert sind, zeigen die Erfahrungen aus der Praxis aber ein klares Bild: Mehr Stabilität, besser nutzbare Nährstoffe, resilientere Böden – und damit ein Plus an Ertragssicherheit in einem zunehmend unsicheren Umfeld.
