Warum Humusaufbau gerade jetzt in den Fokus rückt
Trockenjahre, Starkregen, steigende Betriebsmittelkosten: Auf vielen Höfen ist die Frage nicht mehr, ob sich etwas ändern muss, sondern wie schnell. In Beratungsgesprächen, auf Feldtagen und in Fachrunden taucht dabei ein Begriff immer häufiger auf: Humusaufbau.
Dass „mehr Humus“ gut sein soll, ist in den meisten Betrieben bekannt. Neu ist, dass Humus von der Randnotiz in Düngefragen zu einer zentralen Strategie für resiliente Ackerflächen geworden ist. Resilient heißt in diesem Zusammenhang: Flächen, die mit Wetterextremen, Marktschwankungen und strengeren Umweltauflagen besser umgehen können, ohne dass Ertrag und Bodenfruchtbarkeit dauerhaft leiden.
Mehrere Entwicklungen haben den Fokus verschärft:
- Die extreme Dürre 2018–2020 hat laut Thünen-Institut die Winterweizenerträge regional um bis zu 30 % gedrückt – vor allem auf leichten Standorten.
- Die EU-Bodenstrategie und die „Mission Soil 2030“ fordern messbare Verbesserungen der Bodenqualität bis 2030.
- Die aktuelle GAP-Förderperiode belohnt über Eco-Schemes in vielen Bundesländern Zwischenfruchtanbau, vielfältige Fruchtfolgen und reduzierte Bodenbearbeitung – alles Bausteine des Humusaufbaus.
Zwischen politischen Zielen, praktischen Zwängen und Wetterrisiken stellt sich die Frage: Wie lässt sich Humusaufbau so in den Betriebsablauf integrieren, dass er messbar etwas bringt – für den Boden und für die Betriebskasse?
Was Humus eigentlich ist – und was nicht
Im Alltag wird vieles als „Humus“ bezeichnet, was bodenkundlich nicht ganz korrekt ist. Für die Praxis reicht eine klare, einfache Unterscheidung:
- Bodenorganische Substanz (BOS): Gesamtheit aller organischen Bestandteile im Boden – lebend (Wurzeln, Mikroorganismen) und abgestorben.
- Humus im engeren Sinne: Der stabile, schwer abbaubare Teil der Bodenorganischen Substanz. Er besteht aus sogenannten Huminstoffen, die über Jahre bis Jahrzehnte im Boden verbleiben.
Wenn in der Politik oder in Zertifizierungsprogrammen von „Humusaufbau“ gesprochen wird, ist meistens die Erhöhung des organischen Bodenkohlenstoffs (engl. soil organic carbon, SOC) gemeint. Dieser Kohlenstoff ist der entscheidende Parameter, weil er:
- relativ gut messbar ist (z. B. über Bodenuntersuchungen auf Corg bzw. Humusgehalt),
- direkt mit der Wasser- und Nährstoffspeicherfähigkeit zusammenhängt,
- für Klimabilanzen relevant ist (CO2-Speicher).
Wichtig ist: Humusaufbau ist ein langer Prozess. Ein Plus von 0,1–0,2 Prozentpunkten Humus in 10 Jahren gilt auf vielen Standorten bereits als Erfolg. Wer nach zwei Jahren Zwischenfrucht einen „Humussprung“ von 1 % erwartet, wird zwangsläufig enttäuscht.
Resilienz im Ackerbau: Welche Effekte bringt mehr Humus?
Warum gilt Humusaufbau als Schlüsselstrategie für resiliente Ackerflächen? Mehr Humus bringt mehrere Effekte gleichzeitig – gerade in Jahren mit Wetterextremen machen sie den Unterschied.
- Bessere Wasserspeicherung
Je nach Bodenart kann 1 % mehr Humus den pflanzenverfügbaren Wasserhaushalt um 40–60 m³/ha erhöhen. Auf einem 50-ha-Betrieb entspricht das mehreren Tausend Kubikmetern zusätzlichem Pufferspeicher. In Dürrephasen bedeutet das oft einige Tage längeres grünes Blatt – und damit Mehrertrag. - Stabilere Bodenstruktur
Humus fördert die Bildung stabiler Bodenaggregate. Die Folge: weniger Verschlämmung, bessere Infiltration bei Starkregen und ein geringeres Erosionsrisiko. Gerade auf Lössböden in Hanglagen kann das entscheidend sein, um Auflagen aus dem Erosionskataster zu erfüllen. - Verbesserte Nährstoffdynamik
Humus wirkt wie ein Puffer: Er kann Nährstoffe speichern und bei Bedarf wieder freisetzen. Untersuchungen der LfL Bayern zeigen, dass humusreichere Böden Stickstoffverluste durch Auswaschung deutlich reduzieren können. Für Betriebe mit enger N-Bilanz durch GAP und Düngeverordnung ist das ein konkreter Vorteil. - Mehr biologische Aktivität
Regenwürmer, Pilze und Bakterien sorgen für eine bessere Durchwurzelbarkeit, schnelleren Strohabbau und höhere Nährstoffmobilisierung. Ein aktiver Boden ist in Stressphasen deutlich anpassungsfähiger als ein „toter“ Acker. - Verbesserte Befahrbarkeit und Bearbeitbarkeit
Humose Böden sind tragfähiger und tolerieren Bearbeitung in einem etwas breiteren Zeitfenster. In Jahren mit nassen Herbsten kann das den Unterschied machen zwischen rechtzeitiger Aussaat und verpasstem Termin.
Kurz gesagt: Humus ist kein „nice to have“ für Naturschützer, sondern eine Art Versicherung für betrieblichen Ertrag und Produktionssicherheit – bezahlt in Form von gezielten acker- und pflanzenbaulichen Maßnahmen.
Praxisbeispiele aus Betrieben
Wie sieht Humusaufbau konkret auf dem Acker aus? Drei Beispiele aus der Praxis zeigen unterschiedliche Wege – je nach Standort und Betriebsform.
1. Lössstandort in Sachsen-Anhalt – Winterweizen im Fokus
Ein 450-ha-Ackerbaubetrieb mit Schwerpunkt Winterweizen und Zuckerrüben stand nach den Trockenjahren 2018–2020 unter Druck: sinkende Weizenerträge, verkrustete Oberböden und zunehmende Erosionsschäden an Kuppen.
Der Betrieb hat in Abstimmung mit der Beratung folgende Maßnahmen umgesetzt:
- Einführung einer vielfältigeren Fruchtfolge (Weizen–Rüben–Gerste–Erbse / Ackerbohne–Weizen).
- konsequente Zwischenfrüchte vor Zuckerrüben und Mais, meist Mischungen mit Kreuzblütlern, Leguminosen und Gräsern.
- Umstellung von Pflug auf Mulchsaat in weiten Teilen der Fruchtfolge.
Nach fünf Jahren zeigen die Bodenuntersuchungen auf den Schlägen mit durchgängiger Zwischenfrucht und reduzierter Bodenbearbeitung:
- Anstieg des Humusgehalts von 2,1 % auf 2,4 % im Oberboden (0–30 cm).
- spürbar bessere Infiltration bei Starkregenereignissen (sichtbar an deutlich weniger Abschwemmungen).
- Weizenerträge in Trockenjahren rund 4–6 dt/ha über den Vergleichsschlägen mit klassischem Pflugeinsatz.
2. Sandiger Standort in Brandenburg – Kampf um jedes Millimeter Wasser
Auf einem 280-ha-Betrieb mit leichten Standorten (Bodenpunkte häufig unter 30) stand lange die Frage im Raum: Lohnt sich hier überhaupt eine Humusstrategie?
Die Antwort fällt heute differenzierter aus. Der Betrieb setzte auf:
- permanente Bodenbedeckung durch Zwischenfrüchte und frühe Untersaaten in Getreide,
- Erhöhung des organischen Düngereinsatzes durch Kooperation mit einem nahegelegenen Milchviehbetrieb (Gülle, Mist, Gärreste),
- weitgehende Direktsaat, um Verdunstungsverluste zu minimieren.
Die absolute Ertragshöhe bleibt aufgrund der Standortgrenzen begrenzt. Dennoch berichten Betriebsleiter und Beratung:
- In Dürrejahren bricht der Ertrag weniger stark ein (z. B. Winterroggen minus 10 % statt minus 25 %).
- Die Befahrbarkeit nach Starkniederschlägen ist verbessert, weil die Böden schneller abtrocknen, ohne zu verschlämmen.
- Die organische Düngung stabilisiert den Humusgehalt und erleichtert die Anpassung an die Vorgaben der Düngeverordnung.
3. Futterbaubetrieb im Allgäu – Humus über Dauergrünland und Kleegras
Ein ökologisch wirtschaftender Milchviehbetrieb (120 Kühe) setzt auf eine enge Verzahnung von Ackerbau und Futterbau. Humusaufbau passiert hier vor allem über:
- hohen Anteil an Dauergrünland,
- 3–4-jährige Kleegrasmischungen in der Ackerfruchtfolge,
- regelmäßige Ausbringung von Mist und Gülle.
Langjährige Vergleichsuntersuchungen der Landesanstalt zeigen auf den Kleegras-Schlägen:
- Humusgehalte bis zu 0,5 Prozentpunkte höher als auf reinen Marktfruchtflächen der Region,
- deutlich höhere Regenwurmdichten,
- robustere Erträge im Wechsel aus Futterbau und Ackerfrüchten.
Die Beispiele machen deutlich: Es gibt nicht die eine Humusstrategie, sondern verschiedene Wege – abhängig von Standort, Fruchtfolge und Tierhaltung.
Bausteine einer betrieblichen Humusstrategie
Humusaufbau gelingt selten mit einer Einzelmaßnahme. Entscheidend ist das Zusammenspiel mehrerer Bausteine – abgestimmt auf die betrieblichen Ziele und Rahmenbedingungen.
- Fruchtfolge diversifizieren
Je einseitiger die Fruchtfolge, desto schwieriger wird der Humusaufbau. Leguminosen, Zwischenfrüchte und mehrjährige Feldfutter-Komponenten bringen nicht nur Stickstoff, sondern auch Wurzelmasse in den Boden. - Zwischenfrüchte konsequent nutzen
Zwischenfrüchte sind eine zentrale Stellschraube. Entscheidend sind:- ausreichend lange Vegetationszeit (frühe Aussaat nach Getreide),
- hohe Artenvielfalt in der Mischung (z. B. Leguminosen, Kreuzblütler, Gräser),
- klare Zielsetzung: Humusaufbau, N-Fixierung, Bodenlockerung oder Erosionsschutz?
- Organische Düngung optimieren
Stallmist, Gülle, Gärreste oder Komposte liefern organische Substanz. Wichtig ist eine:- angepasste Ausbringung nach Düngeverordnung,
- möglichst verlustarme Ausbringtechnik,
- kluge Kombination mit Zwischenfrüchten und Hauptfrüchten.
Kooperationen zwischen viehlosen Ackerbaubetrieben und Tierhaltern bieten hier Potenzial – erfordern aber saubere vertragliche Regelungen und Nährstoffbilanzen.
- Bodenbearbeitung anpassen
Pflugverzicht ist kein Muss, kann aber auf vielen Standorten den Humusabbau verlangsamen. Reduzierte oder konservierende Bodenbearbeitung:- schont Bodenstruktur und Bodenleben,
- verringert Erosion,
- spart Diesel und Arbeitszeit.
Gleichzeitig steigen Risiken bei Ungräsern und Schaderregern, wenn das System nicht konsequent über Fruchtfolge und mechanische sowie chemische Verfahren gesteuert wird.
- Agroforst und Landschaftselemente
Auf größeren Schlägen können Agroforstsysteme, Hecken oder Windschutzstreifen:- Wind- und Wassererosion verringern,
- lokale Mikroklimate verbessern,
- Laub und Wurzelmasse als zusätzliche Humusquelle einbringen.
Diese Systeme sind langfristig angelegt und erfordern sorgfältige Planung – werden aber zunehmend über Förderprogramme unterstützt.
Wirtschaftlichkeit: Rechnet sich Humusaufbau?
Die zentrale Frage auf jedem Betrieb lautet: Trägt der Humusaufbau zur Wirtschaftlichkeit bei – oder ist er vor allem ein Umweltprojekt?
Direkte, kurzfristige Zusatzerlöse sind selten. Humusaufbau wirkt eher wie eine Versicherung:
- Reduzierte Ertragsschwankungen zwischen guten und schlechten Jahren,
- geringere Erosionsschäden und damit weniger Flächenverluste oder Auflagen,
- stabilere Nährstoffeffizienz und geringere Düngeverluste,
- potenziell niedrigere Bearbeitungskosten bei reduzierter Bodenbearbeitung.
Schätzungen aus Beratungsprojekten zeigen: Ein stabiler Erhalt oder leichter Aufbau des Humusniveaus kann in Trockenjahren Einbußen von 5–10 dt/ha Winterweizen abfedern. Bei aktuellen Preisniveaus entspricht das schnell 80–150 €/ha. Demgegenüber stehen Kosten für:
- Saatgut für Zwischenfrüchte,
- zusätzliche Überfahrten,
- eventuell höhere Maschineninvestitionen (z. B. Direktsaattechnik).
Hinzu kommen neue Instrumente wie Kohlenstoff-Zertifikate. Einige Programme bezahlen Betriebe für nachweislich erhöhten Bodenkohlenstoff. Allerdings:
- ist die Vergütung je nach Programm und Region noch begrenzt,
- bestehen Unsicherheiten bei Langzeitbindung und Haftungsfragen,
- erfordert die Teilnahme oft zusätzliche Dokumentation und Monitoring.
Für viele Betriebe bleibt daher der wichtigste wirtschaftliche Anreiz: Risikoabsicherung gegen Ertragsausfälle und langfristige Erhaltung der Produktionsgrundlage „Boden“.
Politischer Rahmen und Fördermöglichkeiten
Humusaufbau ist längst kein rein betriebliches Thema mehr. In der Agrarpolitik taucht es an mehreren Stellen auf – mit Folgen für Förderung, Auflagen und Kontrollen.
Wichtige Instrumente sind:
- GAP-Eco-Schemes
In vielen Bundesländern werden Maßnahmen wie:- vielfältige Fruchtfolgen,
- Zwischenfruchtanbau,
- nichtwendende oder reduzierte Bodenbearbeitung
über Eco-Schemes gefördert. Die genaue Ausgestaltung variiert je nach Bundesland; in der Regel gibt es jedoch eine Kombination aus Mindestauflagen und Hektarpremie.
- Förderprogramme der Länder
Mehrere Länder erproben oder planen spezifische Humusprogramme, Beispiel:- Humusaufbau auf Ackerflächen mit definierten Maßnahmenpaketen,
- Prämien für mehrjährige Kleegrasphasen in Fruchtfolgen,
- Unterstützung von Agroforstsystemen.
Hier lohnt sich ein Blick in die jeweiligen Landesrichtlinien und in die Angebote der Landwirtschaftskammern.
- Klimaschutz- und Bodenschutzstrategien
Auf Bundes- und EU-Ebene wird der landwirtschaftliche Boden zunehmend als Kohlenstoffspeicher betrachtet. Langfristig ist damit zu rechnen, dass:- Anforderungen an Erosionsschutz und organische Substanz steigen,
- Humusaufbau enger mit Klimaschutzinstrumenten (z. B. Zertifikatshandel) verknüpft wird.
Für Betriebe bedeutet das: Humusaufbau wird nicht nur freiwillige „gute fachliche Praxis“ bleiben, sondern sich auch in Auflagen und Kontrollkriterien niederschlagen – mit der Chance, über Förderinstrumente einen Teil der Mehrkosten zu kompensieren.
Praktische Empfehlungen für den Einstieg
Humusaufbau ist ein Langstreckenlauf, kein Sprint. Gleichzeitig muss jede Strategie in den Betriebsalltag passen. Einige pragmatische Ansatzpunkte:
- Ist-Zustand kennen
Ohne Ausgangswert kein Fortschritt. Sinnvoll sind:- repräsentative Bodenuntersuchungen auf Humus/Corg,
- Dokumentation von Problemflächen (Erosion, Vernässung, Verdichtung),
- Erfassung der bisherigen Fruchtfolge und Bodenbearbeitung.
- Schläge priorisieren
Nicht jede Fläche muss gleichzeitig umgestellt werden. Priorität haben:- Erosionsgefährdete Hanglagen,
- leichte Standorte mit geringen Humusgehalten,
- Flächen mit wiederkehrenden Trockenstress-Symptomen.
- Mit Zwischenfrüchten anfangen
Zwischenfrüchte sind oft der einfachste Einstieg:- beginnend mit robusten Mischungen nach Getreide,
- klare Zielsetzung: Biomasse, N-Bindung, Bodenlockerung,
- Versuch unterschiedlicher Arten/Mischungen auf Teilflächen.
- Bodenbearbeitung schrittweise anpassen
Der Sprung vom Vollpflug zur Direktsaat über Nacht birgt Risiken. Sinnvoller ist:- Test reduzierter Bodenbearbeitung auf ausgewählten Schlägen,
- Beobachtung von Unkraut- und Ungrasdruck,
- ggf. Kombination mit mechanischer Unkrautregulierung und Anpassung der Fruchtfolge.
- Organische Dünger strategisch einsetzen
Wo verfügbar, sollten organische Dünger:- gezielt auf humusarme oder erosionsgefährdete Flächen gebracht,
- in Kombination mit Zwischenfrüchten genutzt,
- in die Nährstoffbilanz und Düngeplanung integriert werden.
- Dokumentation und Kontrolle
Wer Maßnahmen oder sogar Zertifikate und Förderungen nutzen möchte, braucht Dokumentation:- Schlagbezogene Aufzeichnungen zu Fruchtfolge, Zwischenfrüchten, Bodenbearbeitung,
- regelmäßige Wiederholungsuntersuchungen (z. B. alle 5–7 Jahre) auf Humus/Corg,
- Fotos und Notizen zu Erosionsereignissen, Befahrbarkeit, Auflaufverhalten.
Am Ende geht es beim Humusaufbau nicht um eine „Mode im Ackerbau“, sondern um die Fähigkeit der Flächen, unter veränderten Rahmenbedingungen zuverlässig zu produzieren. Wer schrittweise beginnt, Maßnahmen konsequent ausprobiert und die Ergebnisse nüchtern auswertet, verschafft seinem Betrieb einen handfesten Vorsprung – im Bodenprofil und in der betrieblichen Stabilität.