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Pestizidreduktion mit integrierter pflanzenschutzstrategie

Pestizidreduktion mit integrierter pflanzenschutzstrategie

Pestizidreduktion mit integrierter pflanzenschutzstrategie

Die Diskussion um Pestizidreduktion ist längst nicht mehr nur ein Thema für Umweltverbände. Mit dem EU-Green-Deal, der „Farm-to-Fork“-Strategie und nationalen Plänen zur Reduktion chemischer Pflanzenschutzmittel stehen viele Betriebe unter Druck, ihren Einsatz an Wirkstoffen deutlich zu senken – ohne dabei Ertrag und Qualität zu verlieren. Integrierter Pflanzenschutz wird dabei oft als Schlüsselstrategie genannt. Doch was heißt das ganz konkret für den Acker? Und wie weit kann man Pflanzenschutzmittel tatsächlich einsparen, ohne ins agronomische Risiko zu laufen?

Was integrierter Pflanzenschutz in der Praxis wirklich bedeutet

Integrierter Pflanzenschutz (IPS) ist kein neues Modewort, sondern in Deutschland seit Jahren rechtlich verankert. Nach Pflanzenschutzgesetz sind alle Anwender verpflichtet, die Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes zu beachten. Trotzdem wird der Begriff im Alltag häufig unscharf verwendet.

Kernidee: Chemische Pflanzenschutzmittel werden nicht abgeschafft, sondern als letzte Option eingesetzt – und nur dann, wenn es wirtschaftlich und agronomisch sinnvoll ist. Zuvor werden alle Möglichkeiten der Vorbeugung und nicht-chemischen Bekämpfung ausgeschöpft.

Die EU definiert integrierten Pflanzenschutz in acht Grundsätzen, die auch vom Julius Kühn-Institut (JKI) immer wieder aufgegriffen werden:

Wer diese Punkte ernst nimmt, betreibt längst eine integrierte Strategie – auch ohne großes Label. Spannend wird es dort, wo Betriebe diese Bausteine systematisch verknüpfen, um ihren Wirkstoffeinsatz um 30, 40 oder sogar 50 Prozent zu senken.

Politischer Rahmen: Wohin geht die Reise bei der Pestizidreduktion?

Die „Farm-to-Fork“-Strategie der EU-Kommission formulierte ursprünglich das Ziel, den Einsatz und das Risiko chemischer Pflanzenschutzmittel bis 2030 um 50 % zu reduzieren. Die konkrete Ausgestaltung über die SUR-Verordnung („Sustainable Use Regulation“) ist derzeit politisch umkämpft, doch die Richtung ist klar: Weniger Wirkstoffe, mehr Auflagen, stärkere Dokumentation.

In Deutschland greifen zusätzlich:

Für die Betriebe bedeutet das: Wer heute aktiv seine integrierte Strategie weiterentwickelt, reduziert nicht nur die eigene Abhängigkeit von Wirkstoffen, sondern verschafft sich auch Spielraum gegenüber künftigen Auflagen und Marktanforderungen.

Bausteine einer integrierten Pflanzenschutzstrategie

Eine wirksame IPS-Strategie besteht nicht aus einem einzelnen „Wundermittel“, sondern aus mehreren ineinandergreifenden Stellschrauben. Entscheidend ist, wie konsequent diese im Betrieb umgesetzt und kombiniert werden.

Fruchtfolge, Sortenwahl und Anbaugestaltung

Viele Betriebe sprechen zuerst über Düsen, Droplegs oder Drohnen, wenn es um Pflanzenschutz geht. Fachlich beginnt die Diskussion aber einige Schritte vorher: bei der Fruchtfolge und der Sortenwahl.

Zentrale Hebel:

Mechanische und physikalische Verfahren

Im Ackerbau zählen mechanische Maßnahmen zu den wichtigsten Bausteinen der IPS-Strategie, insbesondere im Unkrautmanagement:

Entscheidend ist die technische Ausstattung, aber auch die Bereitschaft, Zeitfenster zu nutzen. Mechanik braucht oft „Wetter und Zeit“ – beides ist in arbeitsintensiven Phasen knapp. Betriebe, die hier investieren, berichten jedoch von spürbar sinkendem Mittelaufwand, insbesondere bei Herbiziden.

Digitalisierung: Vom Bauchgefühl zur datenbasierten Entscheidung

Ein weiterer zentraler Baustein des integrierten Pflanzenschutzes ist die bessere Entscheidungsvorbereitung. Je genauer der Befall und das Risiko eingeschätzt werden, desto seltener wird „auf Verdacht“ behandelt.

Wichtige Elemente:

Eine Studie aus Norddeutschland zeigte, dass teilflächenspezifische Anwendungen in Getreide und Raps den Mittelaufwand um 10–20 % senken können, bei stabilen Erträgen. Der Effekt steigt mit der Heterogenität der Flächen und der Bereitschaft, die Technik wirklich auszureizen.

Biologische und alternative Mittel

Biologische Pflanzenschutzmittel und sogenannte „Bioeffektoren“ werden von vielen Betrieben noch skeptisch betrachtet: teuer, unsichere Wirkung, komplexe Anwendung. Gleichzeitig wächst das Angebot, und in einigen Segmenten haben sich Produkte etabliert.

Aktuelle Einsatzbereiche:

Die Effektivität hängt stark von Kultur, Witterung und Anwendungstechnik ab. In Ackerbaukulturen sind biologische Mittel derzeit eher Baustein zur Flankierung und nicht vollständiger Ersatz für chemische Mittel. Dennoch können sie den Wirkstoffaufwand senken, indem sie einzelne Behandlungen überflüssig machen oder Aufwandmengen reduzieren.

Praxisbeispiele: Wo Betriebe heute schon 30–50 % einsparen

Gespräche mit Betrieben und Auswertungen aus Praxisnetzwerken zeigen, dass deutliche Reduktionen machbar sind – allerdings nicht „per Knopfdruck“, sondern als Ergebnis konsequenter Strategieanpassung.

Beispiel 1: Weizen-Fruchtfolge mit Fokus auf Krankheitsmanagement

Ein Betrieb in Niedersachsen mit 280 ha Ackerland hat in den letzten fünf Jahren seinen Fungizidaufwand im Weizen um rund ein Drittel gesenkt. Der Weg dorthin:

Ergebnis: Im Mittel 1 statt 2 Fungizidbehandlungen, bei ähnlichen Erträgen (nur leichte Schwankungen je nach Witterung). Die Betriebskosten sanken, die Arbeitsbelastung in der Saison wurde etwas entzerrt.

Beispiel 2: Hacktechnik und Bandapplikation im Mais

Ein süddeutscher Gemischtbetrieb kombiniert seit einigen Jahren Unterfußdüngung, Bandherbizidbehandlung und Hacktechnik im Körnermais. Der Einsatz von Totalherbiziden wurde fast vollständig aufgegeben.

Der Herbizidaufwand sank um etwa 40 %, gleichzeitig wurden positive Effekte auf Bodenstruktur und Unkrautflora beobachtet. Der Arbeitszeitbedarf ist höher, allerdings passt die Arbeitsspitze in ein betriebliches Zeitfenster mit weniger Konkurrenzaufgaben.

Wirtschaftlichkeit: Was kostet Pestizidreduktion – und was bringt sie?

Die zentrale Frage der meisten Betriebe lautet nicht: Wie viel Prozent kann ich reduzieren? Sondern: Trägt sich das wirtschaftlich? Die Antworten sind differenziert.

Kostenseite:

Ertragsseite:

Spannend wird die Rechnung, wenn man weitere Faktoren einbezieht:

Fazit aus vielen Betriebsanalysen: Eine durchdachte integrierte Strategie bringt in der Regel keinen „Gewinnsprung“ in einem Jahr, sondern stabilisiert das System langfristig. Wer realistisch kalkuliert und nicht mit „Null-Pestizid“ startet, sondern mit 20–30 % Reduktionsziel, findet oft tragfähige Einstiegswege.

Praktische Einstiegspunkte für Betriebe

Wo anfangen, wenn der Betrieb weder Zeit noch Geld hat, alles auf einmal zu ändern? In der Beratung haben sich einige pragmatische Schritte bewährt:

Wichtig ist eine saubere Dokumentation: Nur wer seine Maßnahmen und Ergebnisse festhält, kann in den nächsten Jahren gezielt nachjustieren und gegenüber Behörden, Handelspartnern und Zertifizierern belastbare Nachweise liefern.

Perspektiven: Was auf die Betriebe in den nächsten Jahren zukommt

Die Rahmenbedingungen im Pflanzenschutz bleiben dynamisch. Mehrere Entwicklungen werden in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen:

Integrierter Pflanzenschutz ist in diesem Umfeld weniger eine Zusatzaufgabe als vielmehr die Grundlage eines zukunftsfähigen Betriebsmanagements. Es geht nicht darum, auf chemische Mittel zu verzichten um jeden Preis, sondern sie intelligent, sparsam und im Zusammenspiel mit allen anderen Stellschrauben im System einzusetzen.

Für viele Betriebe wird die entscheidende Frage sein: Wie weit kann ich gehen, ohne meine wirtschaftliche Basis zu gefährden? Die Antwort wird je nach Standort, Betriebsstruktur und Vermarktung unterschiedlich ausfallen. Klar ist jedoch: Wer jetzt beginnt, an Fruchtfolge, Bestandesführung, Technik und Entscheidungsgrundlagen zu arbeiten, verschafft sich wichtige Reserven – fachlich, ökonomisch und gegenüber künftigen Auflagen.

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