Die Diskussion um Pestizidreduktion ist längst nicht mehr nur ein Thema für Umweltverbände. Mit dem EU-Green-Deal, der „Farm-to-Fork“-Strategie und nationalen Plänen zur Reduktion chemischer Pflanzenschutzmittel stehen viele Betriebe unter Druck, ihren Einsatz an Wirkstoffen deutlich zu senken – ohne dabei Ertrag und Qualität zu verlieren. Integrierter Pflanzenschutz wird dabei oft als Schlüsselstrategie genannt. Doch was heißt das ganz konkret für den Acker? Und wie weit kann man Pflanzenschutzmittel tatsächlich einsparen, ohne ins agronomische Risiko zu laufen?
Was integrierter Pflanzenschutz in der Praxis wirklich bedeutet
Integrierter Pflanzenschutz (IPS) ist kein neues Modewort, sondern in Deutschland seit Jahren rechtlich verankert. Nach Pflanzenschutzgesetz sind alle Anwender verpflichtet, die Grundsätze des integrierten Pflanzenschutzes zu beachten. Trotzdem wird der Begriff im Alltag häufig unscharf verwendet.
Kernidee: Chemische Pflanzenschutzmittel werden nicht abgeschafft, sondern als letzte Option eingesetzt – und nur dann, wenn es wirtschaftlich und agronomisch sinnvoll ist. Zuvor werden alle Möglichkeiten der Vorbeugung und nicht-chemischen Bekämpfung ausgeschöpft.
Die EU definiert integrierten Pflanzenschutz in acht Grundsätzen, die auch vom Julius Kühn-Institut (JKI) immer wieder aufgegriffen werden:
- Vorbeugung und hemmende Maßnahmen (Fruchtfolge, Sortenwahl, Saattermin, Bodenbearbeitung)
- Überwachung der Bestände (Monitoring, Bonituren, Prognosemodelle)
- Schadschwellenorientierung statt prophylaktischer Spritzungen
- Gezielte Auswahl von Pflanzenschutzmaßnahmen mit möglichst geringem Nebenwirkungspotenzial
- Bevorzugung nicht-chemischer Methoden, wo praktikabel
- Gezielte Wirkstoff- und Maßnahmenkombination zur Vermeidung von Resistenzen
- Beschränkung der Anwendung auf das notwendige Maß (Menge, Fläche, Zeitpunkt)
- Dokumentation und Bewertung der Ergebnisse, um dazuzulernen
Wer diese Punkte ernst nimmt, betreibt längst eine integrierte Strategie – auch ohne großes Label. Spannend wird es dort, wo Betriebe diese Bausteine systematisch verknüpfen, um ihren Wirkstoffeinsatz um 30, 40 oder sogar 50 Prozent zu senken.
Politischer Rahmen: Wohin geht die Reise bei der Pestizidreduktion?
Die „Farm-to-Fork“-Strategie der EU-Kommission formulierte ursprünglich das Ziel, den Einsatz und das Risiko chemischer Pflanzenschutzmittel bis 2030 um 50 % zu reduzieren. Die konkrete Ausgestaltung über die SUR-Verordnung („Sustainable Use Regulation“) ist derzeit politisch umkämpft, doch die Richtung ist klar: Weniger Wirkstoffe, mehr Auflagen, stärkere Dokumentation.
In Deutschland greifen zusätzlich:
- Das Aktionsprogramm Insektenschutz mit Einschränkungen in Schutzgebieten
- Diverse Länderprogramme zur Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes und Förderung alternativer Verfahren
- Steigende Anforderungen von Verarbeitern und Handel (z. B. Rückstandsgrenzen unterhalb der gesetzlichen MRL, Wirkstoff-Blacklists)
Für die Betriebe bedeutet das: Wer heute aktiv seine integrierte Strategie weiterentwickelt, reduziert nicht nur die eigene Abhängigkeit von Wirkstoffen, sondern verschafft sich auch Spielraum gegenüber künftigen Auflagen und Marktanforderungen.
Bausteine einer integrierten Pflanzenschutzstrategie
Eine wirksame IPS-Strategie besteht nicht aus einem einzelnen „Wundermittel“, sondern aus mehreren ineinandergreifenden Stellschrauben. Entscheidend ist, wie konsequent diese im Betrieb umgesetzt und kombiniert werden.
Fruchtfolge, Sortenwahl und Anbaugestaltung
Viele Betriebe sprechen zuerst über Düsen, Droplegs oder Drohnen, wenn es um Pflanzenschutz geht. Fachlich beginnt die Diskussion aber einige Schritte vorher: bei der Fruchtfolge und der Sortenwahl.
Zentrale Hebel:
- Fruchtfolge strecken: Weniger enge Getreide-Raps-Abfolgen, Einbau von Leguminosen oder Zwischenfrüchten reduziert Krankheits- und Unkrautdruck nachweislich. Thünen-Studien zeigen, dass vielfältige Fruchtfolgen den Fungizidbedarf im Getreide um bis zu 30 % senken können.
- Gesunde Sorten wählen: Sorten mit guter Resistenz gegen Mehltau, Rost, Septoria oder Ramularia ermöglichen geringere Spritzintensität oder spätere Einstiegstermine. Das kostet oft 1–2 dt/ha Ertrag, spart aber einen Fungizidgang und reduziert Risiko.
- Saattermin anpassen: Spätsaat im Wintergetreide reduziert Virosen und Unkräuter, frühe Saat kann Unkrautkonkurrenz stärken, aber Krankheitsdruck erhöhen. Hier braucht es regionale Erfahrung und Beratung.
- Bestandesführung: Angepasste Bestandesdichten, N-Gaben und Wachstumsregler wirken indirekt auf Krankheitsanfälligkeit und Lager. Ein ausgewogener Bestand braucht weniger „Feuerwehr“ im Pflanzenschutz.
Mechanische und physikalische Verfahren
Im Ackerbau zählen mechanische Maßnahmen zu den wichtigsten Bausteinen der IPS-Strategie, insbesondere im Unkrautmanagement:
- Striegel und Hacke: Im Öko-Landbau Standard, gewinnen im konventionellen Anbau an Bedeutung. Studien des JKI und verschiedener Länderversuche zeigen: 1–2 mechanische Eingriffe kombiniert mit einer reduzierten Herbizidgabe können in vielen Kulturen den vollen Herbizidaufwand ersetzen.
- Falsches Saatbett: Früh flaches Bearbeiten, Auflaufen lassen der Unkräuter und anschließende Beseitigung reduziert spätere Verunkrautung.
- Band- und Reihenspritzung: Chemie nur in der Reihe, mechanisch dazwischen – besonders interessant in Zuckerrüben, Mais oder Gemüse.
- Thermische Verfahren: Abflammtechnik ist eher Nische, gewinnt aber in Sonderkulturen und im ökologischen Gemüsebau an Bedeutung.
Entscheidend ist die technische Ausstattung, aber auch die Bereitschaft, Zeitfenster zu nutzen. Mechanik braucht oft „Wetter und Zeit“ – beides ist in arbeitsintensiven Phasen knapp. Betriebe, die hier investieren, berichten jedoch von spürbar sinkendem Mittelaufwand, insbesondere bei Herbiziden.
Digitalisierung: Vom Bauchgefühl zur datenbasierten Entscheidung
Ein weiterer zentraler Baustein des integrierten Pflanzenschutzes ist die bessere Entscheidungsvorbereitung. Je genauer der Befall und das Risiko eingeschätzt werden, desto seltener wird „auf Verdacht“ behandelt.
Wichtige Elemente:
- Monitoring-Apps und Prognosemodelle: Digitale Entscheidungshilfen wie ISIP, regional verfügbare Warndienste der Länder oder kommerzielle Tools verknüpfen Wetterdaten, Befallserhebungen und Sorteneigenschaften. In Versuchen konnte damit die Zahl der Fungizidbehandlungen reduziert werden, ohne Ertragsrisiko zu erhöhen.
- Satelliten- und Sensordaten: NDVI-Karten, Drohnenaufnahmen oder Sensortechnik am Schlepper helfen, Befallsherde zu erkennen und Maßnahmen teilflächenspezifisch einzusetzen.
- Applikationskarten und Section Control: Wo wenig steht, wird weniger gespritzt – das gilt gerade in Randbereichen, Keilen oder Teilflächen mit geringerer Ertragserwartung.
Eine Studie aus Norddeutschland zeigte, dass teilflächenspezifische Anwendungen in Getreide und Raps den Mittelaufwand um 10–20 % senken können, bei stabilen Erträgen. Der Effekt steigt mit der Heterogenität der Flächen und der Bereitschaft, die Technik wirklich auszureizen.
Biologische und alternative Mittel
Biologische Pflanzenschutzmittel und sogenannte „Bioeffektoren“ werden von vielen Betrieben noch skeptisch betrachtet: teuer, unsichere Wirkung, komplexe Anwendung. Gleichzeitig wächst das Angebot, und in einigen Segmenten haben sich Produkte etabliert.
Aktuelle Einsatzbereiche:
- Biologische Insektizide: Beispielsweise Bt-Präparate im Mais gegen Zünsler, v. a. im Öko-Landbau und in Regionen mit hohem Druck.
- Antagonistische Pilze und Bakterien: Im Obst- und Gemüsebau zur Bekämpfung von Lagerfäulen oder bodenbürtigen Krankheiten.
- Stärkungsmittel und Biostimulanzien: Ziel ist keine direkte Bekämpfung, sondern eine Verbesserung der Widerstandsfähigkeit der Pflanzen gegen Stress.
Die Effektivität hängt stark von Kultur, Witterung und Anwendungstechnik ab. In Ackerbaukulturen sind biologische Mittel derzeit eher Baustein zur Flankierung und nicht vollständiger Ersatz für chemische Mittel. Dennoch können sie den Wirkstoffaufwand senken, indem sie einzelne Behandlungen überflüssig machen oder Aufwandmengen reduzieren.
Praxisbeispiele: Wo Betriebe heute schon 30–50 % einsparen
Gespräche mit Betrieben und Auswertungen aus Praxisnetzwerken zeigen, dass deutliche Reduktionen machbar sind – allerdings nicht „per Knopfdruck“, sondern als Ergebnis konsequenter Strategieanpassung.
Beispiel 1: Weizen-Fruchtfolge mit Fokus auf Krankheitsmanagement
Ein Betrieb in Niedersachsen mit 280 ha Ackerland hat in den letzten fünf Jahren seinen Fungizidaufwand im Weizen um rund ein Drittel gesenkt. Der Weg dorthin:
- Ausweitung der Fruchtfolge durch Ackerbohnen und Körnermais, weniger Winterweizen nach Weizen
- Konsequente Sortenwahl mit guter Resistenz gegen Blattkrankheiten
- Nutzung eines regionalen Prognosemodells; Fungizidbehandlungen nur bei Überschreiten der Schadschwelle
- Teilflächenspezifische Anpassung der Aufwandmenge über Applikationskarten
Ergebnis: Im Mittel 1 statt 2 Fungizidbehandlungen, bei ähnlichen Erträgen (nur leichte Schwankungen je nach Witterung). Die Betriebskosten sanken, die Arbeitsbelastung in der Saison wurde etwas entzerrt.
Beispiel 2: Hacktechnik und Bandapplikation im Mais
Ein süddeutscher Gemischtbetrieb kombiniert seit einigen Jahren Unterfußdüngung, Bandherbizidbehandlung und Hacktechnik im Körnermais. Der Einsatz von Totalherbiziden wurde fast vollständig aufgegeben.
- Vorauflauf-Herbizid in der Reihe mit reduzierter Aufwandmenge
- Zwei Hackdurchgänge zwischen den Reihen
- Gezielte Spätnachbehandlung nur in Problemzonen
Der Herbizidaufwand sank um etwa 40 %, gleichzeitig wurden positive Effekte auf Bodenstruktur und Unkrautflora beobachtet. Der Arbeitszeitbedarf ist höher, allerdings passt die Arbeitsspitze in ein betriebliches Zeitfenster mit weniger Konkurrenzaufgaben.
Wirtschaftlichkeit: Was kostet Pestizidreduktion – und was bringt sie?
Die zentrale Frage der meisten Betriebe lautet nicht: Wie viel Prozent kann ich reduzieren? Sondern: Trägt sich das wirtschaftlich? Die Antworten sind differenziert.
Kostenseite:
- Weniger Mittel heißt geringere Direktkosten, aber nicht automatisch höhere Gewinne.
- Investitionen in Technik (Hacke, Striegel, Sensorik, Section Control) und Digitalisierung kosten zunächst Geld.
- Mehr Monitoring und mechanische Maßnahmen erhöhen den Arbeitszeitbedarf.
Ertragsseite:
- Wo reduzierter Pflanzenschutz mit mehr Risiko einhergeht, können Ausfälle in Problemjahren die Einsparung überkompensieren.
- Andererseits zeigen mehrere Langzeitversuche, dass in „normalen“ Jahren viele prophylaktische Behandlungen agronomisch und wirtschaftlich kaum Wirkung zeigen.
Spannend wird die Rechnung, wenn man weitere Faktoren einbezieht:
- Vermarktungschancen: Programme von Mühlen, Molkereien oder Verarbeitern mit Boni für reduzierten oder gezielt eingesetzten Pflanzenschutz.
- Risikomanagement: Weniger Abhängigkeit von einzelnen Wirkstoffen oder Zulassungsentscheidungen der Politik.
- Boden- und Umweltwirkung: Bessere Bodenstruktur, höhere Nützlingsdichte und langfristig stabilere Erträge können sich wirtschaftlich positiv auswirken, auch wenn sie schwer in Euro pro Hektar zu fassen sind.
Fazit aus vielen Betriebsanalysen: Eine durchdachte integrierte Strategie bringt in der Regel keinen „Gewinnsprung“ in einem Jahr, sondern stabilisiert das System langfristig. Wer realistisch kalkuliert und nicht mit „Null-Pestizid“ startet, sondern mit 20–30 % Reduktionsziel, findet oft tragfähige Einstiegswege.
Praktische Einstiegspunkte für Betriebe
Wo anfangen, wenn der Betrieb weder Zeit noch Geld hat, alles auf einmal zu ändern? In der Beratung haben sich einige pragmatische Schritte bewährt:
- Ist-Analyse der letzten 3–5 Jahre: Welche Kulturen und Schläge verursachen den höchsten Mittelaufwand? Welche Behandlungen hatten fragliche Wirkung?
- Ein Kultur-Schwerpunkt pro Jahr: Statt „alles auf einmal umzubauen“, gezielt z. B. im Winterweizen oder im Mais eine integrierte Strategie testen.
- Fruchtfolge prüfen: Wo lässt sich mit wenig Flächenverschiebung der Krankheits- oder Unkrautdruck entschärfen?
- Monitoring und Warndienste konsequent nutzen: Regelmäßige Bonituren, Nutzung vorhandener regionaler Prognosemodelle – das kostet vor allem Aufmerksamkeit, nicht zwingend Geld.
- Technik schrittweise modernisieren: Düsenwechsel, Section Control und dokumentationsfähige Terminals sind oft wirksamer erster Schritt als gleich die große Roboterlösung.
- Versuchsflächen im eigenen Betrieb anlegen: Teilflächen mit reduzierter Aufwandmenge oder alternativen Maßnahmen vergleichen und sorgfältig dokumentieren.
Wichtig ist eine saubere Dokumentation: Nur wer seine Maßnahmen und Ergebnisse festhält, kann in den nächsten Jahren gezielt nachjustieren und gegenüber Behörden, Handelspartnern und Zertifizierern belastbare Nachweise liefern.
Perspektiven: Was auf die Betriebe in den nächsten Jahren zukommt
Die Rahmenbedingungen im Pflanzenschutz bleiben dynamisch. Mehrere Entwicklungen werden in den kommenden Jahren an Bedeutung gewinnen:
- Strengere Zulassungsverfahren: Weitere Wirkstoffe werden vom Markt verschwinden oder stark eingeschränkt. Betriebe müssen sich auf eine schrumpfende Wirkstoffpalette einstellen.
- Mehr Dokumentationspflichten: Digitale Aufzeichnungen, Risikoindikatoren und Flächenbezogene Nachweise werden Standard. Hier können Farm-Management-Systeme helfen, den Aufwand beherrschbar zu halten.
- Technische Innovationen: Spot-Spraying mit Kameratechnik, autonome Feldroboter, weiterentwickelte Nützlingsförderung – vieles ist heute noch teuer, könnte aber mittel- bis langfristig Standard werden.
- Marktdruck: Handel und Verbraucher fragen verstärkt nach Produkten mit geringem Pflanzenschutz-Fußabdruck. Wer frühzeitig Strategien entwickelt, ist hier im Vorteil.
Integrierter Pflanzenschutz ist in diesem Umfeld weniger eine Zusatzaufgabe als vielmehr die Grundlage eines zukunftsfähigen Betriebsmanagements. Es geht nicht darum, auf chemische Mittel zu verzichten um jeden Preis, sondern sie intelligent, sparsam und im Zusammenspiel mit allen anderen Stellschrauben im System einzusetzen.
Für viele Betriebe wird die entscheidende Frage sein: Wie weit kann ich gehen, ohne meine wirtschaftliche Basis zu gefährden? Die Antwort wird je nach Standort, Betriebsstruktur und Vermarktung unterschiedlich ausfallen. Klar ist jedoch: Wer jetzt beginnt, an Fruchtfolge, Bestandesführung, Technik und Entscheidungsgrundlagen zu arbeiten, verschafft sich wichtige Reserven – fachlich, ökonomisch und gegenüber künftigen Auflagen.